Lyrikmail #51

Klabund (1890-1928)

In der Stadtbahn

Ein feiles Mädchen, schön und aufgetakelt,
Ihr gegenüber, grün und unbemakelt,
Ein Jüngling, dessen Hände sanft behüten
Zwei Veilchensträußchen in den Seidentüten.
Sie sieht ihn an. Er lächelt traurig blöde:
Mein Gott, wie wird das heute wieder öde
Bei Tante Linchen, die Geburtstag feiert. -

Die Dame hat sich nunmehr ganz entschleiert,
Da ist er hingerissen, starrt ein Weilchen
Und reicht ihr wortlos alle seine Veilchen.
Nun hat er nichts, für Tante kein Präsent . . .
Er wundert sich – das schöne Fräulein flennt:
Und ihre blassen Tränen auf die blauen
Märzveilchen wie Gelübde niedertauen.

—-

Dieser Text wurde veröffentlicht in dem Band:

Und wenn ich sonst nichts von Belang mehr täte.

Gedichte aus Lyrikmail 1-100, Koall Verlag, 9,90 Euro www.koall-verlag.de

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Lyrikmail #50

Friedrich von Logau (1604 1655)

Heutige Weltkunst

Anders sein und anders scheinen;
Anders reden, anders meinen;
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös’ und Guten dienstbar leben;
Alles Tun und alles Dichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen will befleißen,
Kann politisch heuer heißen.

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Lyrikmail #49

Olaf Koch (1963*)

blaues schweigen

was sich dreht ist nicht die erde
was sich dreht ist nicht der mond
was sich dreht sind nicht die dinge
nur die gedanken drehen

und was kreise zieht sind kiesel
in der see


(c) beim Autor

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Lyrikmail #48

Gottfried August Bürger (1747-1794)

An das Herz

Lange schon in manchem Sturm’ und Drange
Wandeln meine Füße durch die Welt.
Bald den Lebensmüden beigesellt,
Ruh’ ich aus von meinem Pilgergange.

Leise sinkend faltet sich die Wange;
Jede meiner Blüten welkt und fällt.
Herz, ich muß dich fragen: Was erhält
Dich in Kraft und Fülle noch so lange?

Trotz der Zeit Despoten-Allgewalt,
Fährst du fort, wie in des Lenzes Tagen,
Liebend wie die Nachtigall zu schlagen.

Aber ach! Aurora hört es kalt,
Was ihr Tithons Lippen Holdes sagen. -
Herz, ich wollte, du auch würdest alt!

—-

Dieser Text wurde veröffentlicht in dem Band:

Und wenn ich sonst nichts von Belang mehr täte.

Gedichte aus Lyrikmail 1-100, Koall Verlag, 9,90 Euro www.koall-verlag.de

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Lyrikmail #47

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Die Irren

UND sie schweigen, weil die Scheidewände
weggenommen sind aus ihrem Sinn,
und die Stunden, da man sie verstände,
heben an und gehen hin.

Nächtens oft, wenn sie ans Fenster treten:
plötzlich ist es alles gut.
Ihre Hände liegen im Konkreten,
und das Herz ist hoch und kÖnnte beten,
und die Augen schauen ausgeruht

auf den unverhofften, oftentstellten
Garten im beruhigten Geviert,
der im Widerschein der fremden Welten
weiterwächst und niemals sich verliert.
—-

Dieser Text wurde veröffentlicht in dem Band:

Und wenn ich sonst nichts von Belang mehr täte.

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