Lyrikmail #109 Wolf

expedition

du gräbst
in mir was suchst
du
einen schatz
einen nerv

du wirfst ein
tarnnetz über
den stein
der in mir
klobt

bricht der spaten
siebe
die erde

Uljana Wolf (*1979)

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Lyrikmail #105 Harsdörffer

Das Leben des Menschen

Das Leben ist
Ein Laub, das grünt und falbt geschwind.
Ein Staub, den leicht vertreibt der Wind.
Ein Schnee, der in dem Nu vergehet.
Ein See, der niemals stille stehet.
Die Blum, so nach der Blüt verfällt.
Der Ruhm, auf kurze Zeit gestellt.
Ein Gras, das leichtlich wird verdrücket.
Ein Glas, das leichter wird zerstücket.
Ein Traum, der mit dem Schlaf aufhört.
Ein Schaum, den Flut und Wind verzehrt.
Ein Heu, das kurze Zeite bleibet.
Die Spreu, so mancher Wind vertreibet.
Ein Kauf, den man am End bereut.
Ein Lauf, der schnaufend schnell erfreut.
Ein Wasserstrom, der pfeilt geschwind.
Die Wasserblas’ , so bald zerrinnt.
Ein Schatten, der uns macht schabab.
Die Matten, so gräbt unser Grab.

Georg Philipp Harsdörffer (1602-1658)

Erläuterung: [schabab: (schab ab!) geh weg!]

Matthias Kröner: Der Trichter und sein Henker: Zum 350. Todestag von Georg Philipp Harsdörffer [Audiobook] (Audio CD)

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Lyrikmail #100 Falke

Trost

Still! ‘s ist nur ein Traum,
‘s geht alles vorbei,
Was es auch sei.
Spürest es kaum,
‘s ist nur ein Hauch,
Wie du auch.

Gustav Falke (1853-1916)

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Lyrikmail #99

Tom Schulz (*1970)

ZWISCHEN KÜHLUNG UND OSTSEE

Im Brandbett der ersten Sonne
& Rändern von Schnee, sehe ich ein-
Hellig die neuen Eigenheime, das geparkte Geld
JETZT KOMMT DIE KAISERRENTE
Abschreibungen der Geschichte
Ohne Geschmack, wie des Apfels Säure
Ohne Süße: das Neue, reinweiß
Über den Wundstellen, steril
An ehemaligen Grenz-
Übergängen, deutsch-
Deutsch & verstehe die Bahnhofs-
Schilder: Sack und Katze
Platt, oder jetzt läßt nichts mehr
An Zukunft denken -
Hier lieg ich vor Wellen, im April
& hör´s plätschern, den fangfrischen
Schwarzfisch in der Dose, der sich
Selbst den Kopf abbiß; im Dunkeln
Aufgewacht mit zugezogenen Gardinen
Die Hände, Puppenlappen
Die aus der Luft Gebratenes greifen
Fänge mit an und die Enden
Mit selbstgedrehten Fliegen –
Beißt´s oder bleibt´s leer am Haken
Bleibt´s Blei oder Bleie?
Jetzt, in der Mitte
Beinah, zwischen Kühlung und Ostsee
Nicht jung, nicht alt &
Die Hälfte der Leber ist hin
Hör ich´s plätschern, tunk
Ich´s in Braunbier & Spucke
Komm ins Nüchterne, Freund!
Die hölderlinen Schwäne sehen
Wie Tretboote aus! Jetzt
Ohne Turm und Rapunzel, sag
Ich´s: das Steißbein bestimmt das Bewußt-
Sein; in einem ungefederten Wagen
Fährt sich´s nicht lange gut umher
Auf Katzenköpfen; die Welt
Auflösbar in einer Brausetablette
Zeigt: der Phallus ist alles, was der Fall ist
& was ich einst dachte/DER HOPFEN
STIRBT ZULETZT/War, als ob
In China ein Sack Reis vom Band fällt –
Zwischen Kühlung und Ostsee, im Warm-
Licht der ersten Frühjahrstage, mit Harsch
Am Wegrand & unverbesserlichen
Weißen blökenden Schafen

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Lyrikmail #98

Friedrich Hebbel (1813-1863)

Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
»So weit im Leben, ist zu nah am Tod!«

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

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