Lyrikmail #154 Wagner

Syringen

Fast überirdisch dünkt mich euer Grüßen,
Syringen ihr, mit eurem Duft, dem süßen.

Nach Geisterweise weiß ich euch zu werten:
ein Duftgesang, er ist mir’s von Verklärten.

Gott, wie ich doch in dieser blauen Kühle
der Blumenwolke hier mich wohlig fühle!

Süß heimlich ahnend, was hineinverwoben,
wie fühl’ ich mich so frei, so stolz gehoben!

Bin ich es selbst, des einstig Erdenwesen
nun auch einmal zu solchem Glanz genesen?

Sind’s meine Lieben, die, ach längst begraben,
in diesen Düften Fühlung mit mir haben?

Christian Wagner (1835-1918)

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Lyrikmail #153 Ach

Lebens Linie

Nicht
das Aufdröseln
einer Schnur,
sondern
das Verwinden
von Fäden

aufs Ende
zu und
vom Ende her.

Manfred Ach (*1946)

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Lyrikmail #148 Crauss

ein paar flüchtige, hingekritzelte

Brinkmann tanzt faithless, eines dieser
letzten lieder vor dem heimgehn. köln
tobt, probt einen aufstand, eine frau ruft Rolf Dieter
hinter ihm her. er nimmt sie mit, er nimmt sie
wirklich ein stück mit und überlegt es sich
dann anders. es ist fast tag in köln,
er probt im taxi einen abschied und die milde witterung,
die wieder gogogirls zum rheinpark lockt.

aber er überlegt es sich ganz anders und

Brinkmann setzt sich in den zug, es ist oktober,
herbst, zeitlos, und für dickliche mädchen
mit schulterlangen schwarzen schwarzen haaren
und riesig beknopften schwarzen mänteln
und langen lederstiefeln, schwarz, auch schwarz, natürlich,
unter einem umso kürzern rock, dazwischen: nichts
als nylonbestrumpftes fleisch, für die ists auch
wieder zeit. sie wackeln durch die stadt und winken
ihm fröhlich zu. eine ruft Rolf Dieter
hinter ihm her und dann verschwindet er. westwärts.
Crauss (*1971)

www.crauss.de

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Lyrikmail #146 Heym

Gewölke gleich

Gewölke gleich, das stirbt in dürrer Stille
Im götterlosen Herbst auf kahler Flur,
Zergingen alle Träume. Und uns blieben
Nur schale Krüge und ein starrer Kranz.

In Morgen-Wehmut schien es zu zerrinnen,
Was noch im Träume-Feuer glomm,
Wir lagen stumm in dem erfrornen Himmel
Und hörten unten dumpf der Tore Schall.

Du ruhtest noch, verwelkt, im frühen Schlummer,
Der sich von deiner Schläfe langsam hob,
Und wie ein Trauermantel kühlen Fluges
Im Dunkel sich der Stuben klein verlor.

Ein weißes Licht ging über deine Lippen,
Du wachtest auf und lagst an meiner Brust,
Und ich, wie eine Distel dürr und trOcken,
Verbarg in flache Küsse deine Stirn.

Vergiß! Und komm. Daß ich, Ischariot,
Noch einmal deines Mundes Flammen wecke
Und singen kann. Daß ich die Lider senke
Und wie ein Schiff auf roten Finsternissen

Durch blasse Sterne, die versinken wollen,
In leere Weiten treibe und den Tod,
Den Vögeln gleich, die unter großem Fittich
Verbergen hoch ein böses Morgenrot.


Georg Heym
(1887-1912)

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Lyrikmail #145 Lotz

Und schöne Raubtierflecken …

Bist du es denn?
Groß aus dem Weltraum nachts, der Spiegel ist,
Tönt dein zerwehtes Bildnis in meine Seele.
Die Sterne durchziehen harfend deine Brust.
Du aber …

Du glänzt vielleicht versehnt im weißen Federbett,
Traum liegt dir hart im Schoß. -

Oder ein junger Liebling
Zieht fühlsam mit zeichnendem Finger
Die festen Runden deiner Brüste nach.
Ihr seid sehr heiß.
Und schöne Raubtierflecken zieren eure Rücken.

Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914)

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