Lyrikmail #221

Moritz August von Thümmel (1738-1817) 

Bitte eines Liebhabers
an seine junge Geliebte
mit der er schon einige Zeit versprochen war

Du übertreibst, o Freundin meiner Jugend,
Den Reiz der Scham und Sittsamkeit,
Und in dem Fieber deiner Tugend
Betrügst du dich um Glück und Zeit.
Wie lange willst du noch, wie lange
Das treu´ste Bild der Ehe fliehn,
Und mir zur Qual im kurzen Uebergange
Vom Fräulein bis zur Frau – verziehn? -
Du hörst mich nicht? Geliebteste! so höre
Doch deiner ersten Mutter Rath,
Sie, die das Maas der jungfräulichen Ehre
Am richtigsten gemessen hat.
Als sie der Herr mit jedem Reiz umgeben,
Der dich jetzt schmückt; ins Leben rief,
Bewahrte sie dies jungfräuliche Leben
So lange nur, als Adam – schlief.

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Lyrikmail #220 Stolz

Rainer Stolz (*1966) 

Aporie in Wien

Wo wir Wortschätze hoben
in der Fernsprechernische
und das Barlicht brach.

Wo das Barlicht brach
weil dein Lidstrich verlief
und du weitersprachst.

Wo dein Lidstrich verlief
meine Hand zuckte
als du weitersprachst.

Wo der Wein zu warm war
in der Fernsprechernische
und dein Lidstrich verlief.

Wo der Wein zu warm war
meine Hand zuckte
die Kellner Schluss machten.

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Lyrikmail #219

C. F. Meyer (1825-1898) 

Alles war ein Spiel

In diesen Liedern suche du
Nach keinem ernsten Ziel!
Ein wenig Schmerz, ein wenig Lust,
Und alles war ein Spiel.

Besonders forsche nicht danach,
Welch Antlitz mir gefiel,
Wohl leuchten Augen viele drin,
Doch alles war ein Spiel.

Und ob verstohlen auf ein Blatt
Auch eine Träne fiel,
Getrocknet ist die Träne längst,
Und alles war ein Spiel.

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Lyrikmail #218

Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791) 

Der gnädige Löwe

Der Tiere schrecklichsten Despoten
Kam unter Knochenhügeln hingewürgter Toten
ein Trieb zur Großmut plötzlich an.
Komm, sprach der gnädige Tyrann
Zu allen Tieren, die in Scharen
Vor seiner Majestät voll Angst versammelt waren.
Komm her, beglückter Untertan,
Nimm dieses Beispiel hier von meiner Gnade an!
Seht, diese Knochen schenk’ ich euch!-
Dir, rief der Tiere sklavisch Reich,
Ist kein Monarch an Gnade gleich!-
Und nur ein Fuchs, der nie den Ränken
Der Schüler Machiavels geglaubt;
Sprach in den Bart: Hm, was man uns geraubt,
Und bis aufs Bein verzehrt, ist leichtlich zu verschenken.

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Lyrikmail #217 Ball

Hugo Ball (1886-1927) 

Die Ersten

Die Ersten sinds, sie sind im besten Zug
Vom willenlosen Haufen sich zu lösen.
Erkennend eitel Schimmer, seichten Trug
Der großen Reden abgenutzte Blößen,
Klangvolle Phrasen, ein vereinter Schwall
Der überflutet Erdehöhen und Täler,
Allüberall der gleiche Wiederhall,
Der gleiche Köder und der gleiche Wähler.
Wohl wächst der Massen Schrei nach Glück und Brot
Doch übertönt er nicht die Worte der Vertreter,
Es fallen Opfer tiefster Seelennot,
Die Masse fällt dem Zeichen der Verräter.
So lausch ich freudig, wenn mit wildem Schrei
Die Brust erfüllt von froher Zukunft ahnen
Sich einer ringt vom Heerdentaumel frei
Kraftvoll empor auf selbstgewollten Bahnen.

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