Lyrikmail #241
Johann Wolfgang von Goethe
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer kornigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!
—-
aus: Aus dem Osterspaziergang, Faust I
—-
Dieser Text wurde veröffentlicht in dem Band:
Erste Schlehenblüte.
Gedichte aus Lyrikmail 201-300, Koall Verlag, 9,90 Euro www.koall-verlag.de
Lyrikmail #240
Des hab’ ich mich noch nie bedankt
Des hab ich mich noch nie bedankt,
Daß deine Hände nach mir langen
Und deine Lippen mich empfangen,
Daß in den Hügeln deiner Brüste
Ich mir fürs Leben Sehnsucht küßte,
Und gern mein Herz nach deinem krankt.
Des sei die Stund, die dich vollbracht,
Die dich zur Liebeslust erdacht,
Von jeder neuen Stund bedankt.
Lyrikmail #239
Menschliches Elende
Was sind wir Menschen doch? ein Wohnhaus grimmer Schmerzen /
Ein Ball des falschen Glücks / ein Irrlicht dieser Zeit /
Ein Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharfem Leid /
Ein bald verschmelzter Schnee / und abgebrannte Kerzen /
Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid /
Und in das Toten-Buch der großen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind / sind uns aus Sinn und Herzen.
Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt /
Und wie ein Strom verscheust / den keine Macht aufhält:
So muß auch unser Nam’ / Lob / Ehr’ und Ruhm verschwinden /
Was itzund Atem holt / muß mit der Luft entfliehn
Was nach uns kommen wird / wird uns ins Grab nachziehn /
Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starken Winden.
Lyrikmail #238
Nicolaus Ludwig Esmarch (1654-1719)
Sinnsprüche
Zweyerlei Diebe
Wers gantze land beraubt / kann frey und sicher leben.
Wer nur ein haus bestiehlt / muß an dem galgen schweben.
Die grossen Dieb’ entgehn. Die kleinen müssen hangen.
So können gleiche werck’ ungleichen lohn erlangen.
Die Zeit ein stetes heute
Was heute gestern heisst / das hieß man gestern heute.
Was heute morgen ist / wird morgen heute seyn.
Und dennoch sorget ihr für morgen, Blinde leute!
Weils morgen heut’ auch ist / so sorgt für heut’ allein.
Lyrikmail #237
Sidonie Grünwald-Zerkowitz (1852-1907)
Wie ich von Dir träume
Guten Morgen! Dein war, Lieb, die Nacht!
Ich hab’ im Traum mit Dir sie verbracht.
Noch hab’ ich keinen Tag gesehn
Wie diesen Traum, so himmlisch, so schön!
Ach, daß eine Stunde schlagen mir möchte,
Die solche Wonne wirklich mir brächte!
Der Lenz hat über den Thalesgrund
Einen Teppich gebreitet aus Blumen bunt
Und sandte nach uns den Sonnenschein,
Sandt’ aus mit Sang die Vögelein,
Das Heer der zirpenden Cicaden
Unsere Liebe zur Flur zu laden.
Wir zogen Hand in Hand hinaus
Ins offne große Gotteshaus;
Und als die Vögel ich gewahrt,
In holder Freiheit traut gepaart,
Die Blumen sah den Kelch erschließen
Dem Blüthenstaub, sich drein zu gießen:
Da zog es zu Dir mich auf den Grund -
Und nahe rückte Mund an Mund
Und immer näher … wie war das süß!
Geschah’s, weil das Denken mich verließ? …
Der Gürtel war entzwei mir gerissen
Und mir kam der Mut: Dich zu küssen … zu küssen!
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