Lyrikmail #262 Goethe – Gefunden
Gefunden
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus.
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Lyrikmail #261 Kuhligk
WER ALLEIN, IST UNBERÜHRBAR
(für Sophie Carrier)
Ein Statist in einem Weltraum-
kältemärchen, der die Schuhe schnürt
oder auch ein Stammgast
der nicht gehen will zur Sperrstunde
die Stadt ein Hundemaul
die Liebe traurig, die Zuversicht
pauschal verreist und
kommt nicht wieder
man hat nicht, die man
braucht, die Wut, am Ende
geht man als Bewegungs-
melder Musik kaufen
Lyrikmail #260
Gewesenes Jahr
Ich zeige dir den Mond durch einen Frühlingsbaum.
Jede Blüte, jedes Blättchen
hebt sich aus seinem Glanz.
Jede Blüte, jedes Blättchen
schimmert.
Beide Arme
schlingst du mir um den Hals!
Lyrikmail #259 Labé
Sonette XVIII
Nicht diesen einen Kuß, schenk mir noch mehr,
verschwende dich an meinen nimmersatten Mund,
und blutet er an solchem Übermaß sich wund,
nie blutet er sich leer;
denn was du schenkst, das schenk ich dir zurück,
sind’s hundert Küsse, leg ich zehn hinzu
und gebe dir nicht eher Ruh,
bis keiner von uns weiß, auf wen das Glück
entfällt: Gewinnner solcher Seligkeit zu sein.
Das Du und Ich sind nicht mehr zwei, sind eins,
und keiner sagt von Seinem: das ist meins.
Vielleicht red ich mir eine Narrheit ein
(jetzt wieder eine Weile im Allein),
daß ich der Trinker bin und du der Wein.
Louise Labé (1524-1566)
übersetzt von Rainer Maria Rilke
Lyrikmail #258 Goethe – Taglied
William Shakespeare (1564-1616)
Taglied
Julia :
Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Romeo:
Die Lerche wars, die Tagverkünderin,
Nicht Philomele; sieh den neidischen Streif,
Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt.
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
Der muntre Tag erklimmt die dunstgen Höhn.
Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.
Julia :
Trau mir, das Licht ist nicht des Tages Licht.
Die Sonne hauchte dieses Luftbild aus,
Dein Fackelträger diese Nacht zu sein,
Dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten;
Drum bleibe noch: zu gehn ist noch nicht not.
Romeo:
Laß sie mich greifen, ja, laß sie mich töten!
Ich gebe gern mich drein, wenn du es willst.
Nein, jenes Grau ist nicht des Morgens Auge,
Der bleiche Abglanz nur von Lunas Stirn.
Das ist auch nicht die Lerche, deren Schlag
Hoch über uns des Himmels Wölbung trifft.
Ich bleibe gern; zum Gehn bin ich verdrossen.-
Willkommen, Tod! hat Julia dich beschlossen.-
Nun, Herz? Noch tagt es nicht, noch plaudern wir.
Julia:
Es tagt, es tagt! Auf! eile! fort von hier!
Es ist die Lerche, die so heiser singt
Und falsche Weisen, rauhen Mißton wirbelt.
Man sagt, der Lerche Harmonie sei süß;
Nicht diese: sie zerreißt die unsre ja.
Stets hell und heller wirds: wir müssen scheiden.
Romeo:
Hell? Dunkler stets und dunkler unsre Leiden!
deutsch von Johann Wolfgang v. Goethe
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