Lyrikmail #282

Agnieszka Debska (1984*)

er hat 10 000 Kilometer

er hat 10 000 Kilometer
in seiner Manteltasche
zwischen den Tabakkrümeln
er fährt sich mit der Hand
über die Augen
mit seinen Augen über
die bizarren Muster der Gleise
er pißt den Rotwein
von gestern nacht
in seine Bierflasche
bevor er geht

Text aus: WIR Nr. 6 “Ich Oder Ja”

die Autorin: geb. 1984 in Stargard Szcz. PL, lebt in Szczecin,
Veröffentlichungen u.a. in ‘Pogranicza’, ‘WIR’
Eigenveröffentlichung: ‘Zgubi? pytania’ 1999.

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Lyrikmail #281

Dawid Jung
stabat mater dolorosa

allerjetzteste
beschützerin des augenblicks,
die keine zeugen hat in der schrift.

gesegnet sei dein hals:
für den schrei, der verletzt.
für die verletzung, die beglückt.
für das glück, daß nicht ich es bin.
für mich, dem der mut fehlt.
für den mut, der wahrhaftig lügt.
für die wahrheit, die gefährlich ist.
wenn vor den augen des pöbels

die einzige tochter an die brust bettet
das feuer.

Text aus: WIR Nr. 6 “Ich Oder Ja”
übersetzt von K. Rakoczy, K. Reimert, U. Wolf

der Autor: lebt in Poznan, Dichter, Opernsänger, Trouver
der Band ‘Pejza’, Veröffentlichungen in Anthologien u. Zeitschriften

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Lyrikmail #280

Mateusz Wabik (1971*)
Altstadt

Nichts hat sich für uns verändert. Dieselbe
Stimmung seit Jahren, der vom Rauch
erblindete Spiegel, durch den wir nicht mehr
schauen, und immer wieder dasselbe Rätsel:

Unterscheiden wir uns voneinander
in dunkler Nacht, unterscheiden wir uns
am hellen Tag? Sex haben wir natürlich
wenn Zeit dafür ist, und ein Ort.

Irgendwann fällt einem nichts mehr ein.
Und der nächste Tag rast schon vorbei
wie ein außerplanmäßig verkehrender Zug.
Das Blut drückt schneller auf die Schläfen.

Der rasende Atem kommt, wie das Lied
auf dem Bahnhof, erst zur Ruhe, wenn
die volle Stunde hätte schlagen sollen. Das alles

ist eins, das Leben eine immer überfüllte
zweite Klasse, und wir haben kein Geld,
um in der Ersten wenigstens zu stehen.

Und wenn ich heimkehre, vor Müdigkeit wankend
über die Bahnsteige, heim
unter die Brücken des Schlafs,
kann ich mich nicht mehr erinnern
an den Namen der Stadt, die auf der Landkarte fehlt.

Text aus: WIR Nr. 6 “Ich Oder Ja”
übersetzt von A. Debska, K. Reimert, A. Gumz

der Autor: geb. 1971 in PL, lebt in Krakow,
Veröffentlichungen u.a. in ‘Studium’, ‘Pro Arte’, ‘HA!art’

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Lyrikmail #279

Agnieszka Sobol (1977*)

Laura’s Theme

Bill, komm her.
Ich kann mich nicht bewegen. Und ich bin ganz nackt.
Jemand muss den Regen durchschneiden und das Licht
brechen in einer Glasscheibe. Ich steh schon so lange
auf der Unterseite des Bodens, wo das Licht sich
wie eine dunkle Saite in mein Auge spannt
und den gesenkten Raum anhebt.
Wie sinnlos hast du mich in dieser Scheibe
eingeschlossen -
ich muss doch bei mir reinschauen
von Zeit zu Zeit. Mein Kopf war zerplatzt.
Dann wurde ich in einem Porzellangewitter
mit wuchernden Fäden wieder zusammengeklebt.
Bill, war das ein Traum?
Ich kann nicht mal meine Augen schließen,
wenn die Wiesen weiß werden und
in den Himmel tropfen. Es brennt. Damit der räuberische Nebel geht
summe ich mir unsere Lieder vor.
Gestern wurde ich schwanger. Ich bin mir sicher.
Der Strahl der Sonne traf mich genau – eine Berührung,
die sich viel angenehmer anfühlt
als dein ultranächtliches Violett, verzeih.
Bill, ich hatte einen Traum: Ein Pudel kam gelaufen
und hypnotisierte mich mit seinem Blick.
Er setzte sich auf den Sand und fuhr Minuten später
im Mondschein zum Himmel auf.
Mein Gott, Bill,
mein Körper beginnt zu verschwinden.
Gestern winkte jemand mit der Hand
durch ihn hindurch. Mir wurde übel.
Noch ein Jahr und nichts wird
von mir geblieben sein als ein Paar Augen,
das den Raum durchwandert. So wird es sein.
Ein Paar Augen, das nichts mehr sieht,
nur noch lebt vom Herzschlag der Luft.
Bill, heute hatte ich eine Vision. Du schicktest einen Ozean
über mich,

Feuer.

Text aus: WIR Nr. 6 “Ich Oder Ja”

übersetzt von M. Ryzinski, D. Seel, K. Reimert, A. Gumz

die Autorin: geb. 1977 in Krak?w PL, Dichterin, Essayistin,
Redakteurin zahlreiche Veröffentlichungen u.a. in ‘Res Publica Nowa’,
‘Kursywa’. ‘Antologia nowej poezji polskiej 1990-1999′ 2000,
Eigenveröffentlichung: ‘cafe LUNA park’1999; ‘Akty’ 2000, ‘Nikodem’ 2001

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Lyrikmail #278

Tomasz Zacharewicz (1974*)

Der junge Dichter und die Zeit, die vergeht

Ein Uhr nachts
Worte schmecken wie Sommeräpfel
das Herz schlägt hastig um
eine Seite nach der anderen
Gedicht, Gedicht, Gedicht

zwei Uhr zwanzig
eine Frau gibt Küsse zurück,
die Nacht zerreißt Buchstaben
wie der Wind die Spinnweben

fünf vor drei
geht die nächste Zigarette aus,
die Lichter im Zimmer gelöscht,
eine Motte, nachtsüchtig, prallt ab
vom kalten Fenster

vier Uhr zwanzig
ein Käsebrot im Bahnhof, die Welt ist grau
wie die Haare meines Vaters,
die Dämmerung erfriert
in einer Pfütze

fünf
die erste Straßenbahn eröffnet die Stadt,
Eis bricht unter dem Absatz der Frau,
ein alter Mann füttert Tauben, die Schatten
seiner Jugend fliegen auf

sechs null null
im Frühstücksfernsehen
werden wir berichten
wie der Tag war, der verging,
und wie der wird, der kommt

übersetzt von Karla Reimert, Alexander Gumz

der Autor: geb. 1974 in Brzeg PL, Dichter, Hörfunkjournalist,
Veröffentlichungen in Anthologien u. Zeitschriften
Eigenveröffentlichung in Vorbereitung

Text aus WIR Nr. 6 “Ich Oder Ja”,
WIR ist eine literarische Gruppe, ein Zusammenschluss von deutschen
u. polnischen Autorinnen u. Autoren, die in regelmäßigen Abständen
eine Literaturedition herausgeben.

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