Lyrikmail #316 Brun

Ich denke dein [I]

Ich denke dein, wenn über Roms Ruinen
Die Sonne sinkt!
Vom Abendroth durch Eichengrün beschienen
Die heil’ge Tiber blinkt!

Dein denk’ ich, wenn der grauen Vorwelt Schauer
Der Hall’ entschwebt!
Des Eppichs Netz an hoher Riesenmauer
Im Mondstrahl silbern bebt!

Wenn in der Pinie ernstem Säulentempel
Mein Aug’ erquickt,
Betrachtung, Tiefsinn, eueren hehren Stempel
Rings um sich her erblickt!

Dort an des Grabes ew’ger Piramide
Warst du mir nah!
Mir nah als ich Orest der Eumenide
Geweiht, voll Wehmuth sah!

Electra’s hoher Sinn, und Weibesmilde
Mich tief durchdrang!
Des Griechen Geist mir aus dem Marmorbilde
Wie Saitenton erklang!

Im Lorbeerwald, wo die Zipresse dunkelt,
Im Mirthenhain
Wenn über mir des Himmels Bogen funkelt
Denkt meine Seele Dein!

Ach dein, wenn über Tod, und Grab, und Erde,
Mein Geist sich schwingt!
Des Schöpfers zweyter Allmachtsruf es werde
Auch meine Gruft durchdringt.

Wenn Nemesis, was strenge du gefodert
Ist abgebüßt -
Und Psyche, der nicht mehr die Fackel lodert,
Vergelterin dich grüßt!

Friederike Brun (1765-1835)

Stechäpfel: Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden

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Lyrikmail #312 Heyse – Mut der Feigheit

Mut der Feigheit

Da werfen sie ohne sich zu schämen
Die Flinte gleich ins Korn hinein.
Wo die Leute nur den Mut hernehmen,
So ungeheuer feige zu sein!

Paul Heyse (1830-1914)

Gesammelte Werke

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Lyrikmail #310 Weckherlin – Von Doktor Schlechten

Von Doktor Schlechten

Wir mussten gestern so stark saufen,
Daß mein Pferd und ich übern Haufen
Gefallen, sprach der Doktor Schlecht.
Und ich vermein, er redet recht,
Als er die Wahrheit wollt bekennen,
Den Esel nach dem Pferd zu nennen.

Georg Rudolf Weckherlin (1584-1653)

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Lyrikmail #308 Morgenstern

Der sparsame Dichter

„Willst du nicht Artikel schreiben?“-
Laßts beim Epigramme bleiben.
Kann ichs euch in zehn Zeilen sagen,
Was euch verwundert,
Warum euch Honorar abjagen
Für hundert.

Christian Morgenstern
(1871 – 1914)

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Lyrikmail #306 Storm

Die Zeit ist hin
Die Zeit ist hin; du löst dich unbewußt
Und leise mehr und mehr von meiner Brust;
Ich suche dich mit sanftem Druck zu fassen,
Doch fühl’ ich wohl, ich muß dich gehen lassen.
So laß mich denn, bevor du weit von mir
Ins Leben gehst, noch einmal danken dir;
Und magst du nie, was rettungslos vergangen,
In schlummerlosen Nächten heimverlangen.
Hier steh’ ich nun und schaue bang zurück;
Vorüberrinnt auch dieser Augenblick,
Und wieviel Stunden dir und mir gegeben,
Wir werden keine mehr zusammenleben.

Theodor Storm (1817-1888)

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