Lyrikmail #308 Morgenstern
Der sparsame Dichter
„Willst du nicht Artikel schreiben?“-
Laßts beim Epigramme bleiben.
Kann ichs euch in zehn Zeilen sagen,
Was euch verwundert,
Warum euch Honorar abjagen
Für hundert.
Christian Morgenstern (1871 – 1914)
Lyrikmail #306 Storm
Die Zeit ist hin
Die Zeit ist hin; du löst dich unbewußt
Und leise mehr und mehr von meiner Brust;
Ich suche dich mit sanftem Druck zu fassen,
Doch fühl’ ich wohl, ich muß dich gehen lassen.
So laß mich denn, bevor du weit von mir
Ins Leben gehst, noch einmal danken dir;
Und magst du nie, was rettungslos vergangen,
In schlummerlosen Nächten heimverlangen.
Hier steh’ ich nun und schaue bang zurück;
Vorüberrinnt auch dieser Augenblick,
Und wieviel Stunden dir und mir gegeben,
Wir werden keine mehr zusammenleben.
Theodor Storm (1817-1888)
Lyrikmail #307 – Paoli
Dir wird in deinen Erdentagen
Nichts Gutes, Großes je gelingen,
Kannst du es über’s Herz nicht bringen,
Da, wo es not thut, »Nein« zu sagen!
Betty Paoli (1814-1894)
Lyrikmail #305 – Ball
Die Sonne
Zwischen meinen Augenlidern fährt ein Kinderwagen.
Zwischen meinen Augenlidern geht ein Mann mit einem Pudel.
Eine Baumgruppe wird zum Schlangenbündel und zischt in den
Himmel.
Ein Stein hält eine Rede. Bäume in Grünbrand. Fliehende Inseln.
Schwanken und Muschelgeklingel und Fischkopf wie auf dem
Meeresboden.
Meine Beine strecken sich aus bis zum Horizont. Eine Hofkutsche
knackt
Drüber weg. Meine Stiefel ragen am Horizont empor wie die Türme
einer
Versinkenden Stadt. Ich bin der Riese Goliath. Ich verdaue
Ziegenkäse.
Ich bin ein Mammuthkälbchen. Grüne Grasigel schnüffeln an mir.
Gras spannt grüne Säbel und Brücken und Regenbögen über meinen
Bauch.
Meine Ohren sind rosa Riesenmuscheln, ganz offen. Mein Körper
schwillt an
Von Geräuschen, die sich gefangen haben darin.
Ich höre das Meckern
Des großen Pan. Ich höre die zinnoberrote Musik der Sonne. Sie steht
Links oben. Zinnoberrot sprühen die Fetzen hinaus in die Weltnacht.
Wenn sie herunterfällt, zerquetscht sie die Stadt und die Kirchtürme
Und alle Vorgärten voll Krokus und Hyazinthen, und wird einen Schall
geben
Wie Blech von Kindertrompeten.
Aber es ist in der Luft ein Gegeneinanderwehen von Purpur und Eigelb
Und Flaschengrün: Schaukeln, die eine orangene Faust festhält an
langen Fäden,
Und ist ein Singen von Vogelhälsen, die über die Zweige hüpfen.
Ein sehr zartes Gestänge von Kinderfahnen.
Morgen wird man die Sonne auf einen großrädrigen Wagen laden
Und in die Kunsthandlung Caspari fahren. Ein vielköpfiger Neger
Mit wulstigem Nacken, Blähnase und breitem Schritt wird fünfzig weiß-
Juckende Esel halten, die vor den Wagen gespannt sind beim
Pyramidenbau.
Eine Menge blutbunten Volks wird sich stauen:
Kindsbetterinnen und Ammen,
Kranke im Fahrstuhl, ein stelzender Kranich, zwei Veitstänzerinnen,
Ein Herr mit einer Ripsschleifenkrawatte und ein rotduftender
Schutzmann.
Ich kann mich nicht halten: Ich bin voller Seligkeit. Die Fensterkreuze
Zerplatzen. Ein Kinderfräulein hängt bis zum Nabel aus einem Fenster
heraus.
Ich kann mir nicht helfen: Die Dome zerplatzen mit Orgelfugen. Ich
will
Eine neue Sonne schaffen. Ich will zwei gegeneinanderschlagen
Wie Zymbeln, und meiner Dame die Hand hinreichen. Wir werden
entschweben
In einer violetten Sänfte über die Dächer euerer
Hellgelben Stadt wie Lampenschirme aus Seidenpapier im Zugwind.
Hugo Ball (1886-1927)
Lyrikmail #304 – Klopstock
Auch die Nachwelt
Im Januar 1799
Einst wütet’ eine Pest durch Europa’s Nord,
Genant der schwarze Tod. Wenn der schwärzere,
Die sittliche, mit der ihr heimsucht,
Sich nur nicht auch zu dem Norden hinwölkt.
Geschaudert hat vor euch mich, ihr Raubenden,
Und dennoch Stolzen! die ihr die Freyheit nent,
Und Alles dann, was Menschenwohl ist,
Stürzet, zermalmt, und zu Elend umschaft!
Gezürnet hab’ ich, und der Gerechtigkeit
Zorn war es, welcher mir mit der Flamme Kraft
Das Herz durchdrang! Doch vor dem schwermuts-
Nahen Gefühle des Grams entfloh er.
Ich will nicht wieder zürnen, nicht schaudern, will
Nicht trauren. Ruhig blicket die Kält’ herab,
Wenn sie ihr Endurteil nun spricht. Ihr
Stolzen und Niedrigen… (Menschenfeindschaft
Bekämpft’ umsonst mich! Darum sey euch allein
Mein Wort gewidmet, treffe nicht mit wer Mensch
Blieb, ob er wohl auch Frevel that) ihr
Stolzen und Raubenden, ich veracht’ euch.
Wer von den Franken, daß ich verachten muß,
Mitfühlt, der treufelt Traurender Zähr’ herab,
Und weiht die edle mir, der leidend
Nahm von der Wahrheit Gesicht den Schleyer.
Und dieses Leiden trübet denn jetzo den,
Der einst, von heißen frohen Erwartungen
Durchdrungen, in der Frühe Schauer,
Galliens werdenden Tag begrüßte.
Gedrängte Scharen sprechen mit mir mein Wort
Von euch, entstirnte Freyheitsvertilger, aus!
Des Enkels Sohn, und dieses Ursohn
Hallet es wieder. Auch er verachtet.
Wähnt nicht, er lass’ es je der Vergessenheit.
Denn drohte die; er grüb’ es in Marmor ein,
Grüb’s ein in Erzt! Doch was bedarf er
Felsen? was Erzt? Er bewahrt’s im Herzen!
Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803)
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