Lyrikmail #367 Holz – Vergeben? Ich? Dir?
Vergeben? Ich? Dir?
Längst.
Ich thats, noch eh ichs wusste.
Aber vergessen? Vergessen? . . . Ach, wenn ichs könnte!
Oft,
mitten im hellsten Sonnenschein,
wenn ich fröhlich bin und “an nichts denke”,
plötzlich,
da,
grau hockt es vor mir,
. . . wie eine Kröte!
Und Alles, Alles scheint mir wieder schaal. Schaal und trostlos.
Das ganze Leben.
Und ich bin traurig. Traurig über dich . . . und mich.
Arno Holz (1863-1929)
Lyrikmail #368 Rückert
Herbsthauch
Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!
Läßt doch der spielende Wind nicht vom
Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.
Läßt doch der spielende Wind nicht vom
Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.
Friedrich Rückert (1788-1866)
Lyrikmail #359 Schirmer
Seine Schwartze.
Jhr schwartzen Augen jhr / und du auch schwartzes Haar /
Nemt hin von meiner Hand / nemt hin was ich euch sende /
Durch was ich meine Schuld ein wenig nur verpfände /
Das dürstet jetzund noch nach eurer Blicke Schaar.
Schwartz lieb ich auf der Welt. Schwartz will ich immerdar.
Schwartz ist mein Ruhestab der fast zu müden Hände /
Schwartz ist der beste Glantz. Schwartz macht daß ich mich wende
Zum schwartzen Angesicht / zu schwartzen Augen klar.
Laß roth / laß weiß / laß blau in seiner schöne gehen /
und auf des Käysers Haupt ein Gold in Golde seyn /
Laß Demant-Farbe blühn /laß jeden Edelstein
Sein farbicht Angesicht bey allen Glantz aufblehen.
Mein Schwartz vergnüget mir / drüm sprech ich immerdar:
Jhr schwartzen Augen jhr / und du auch schwartzes Haar.
David Schirmer (1623-1686)
—
vergnüget = genügt, befriedigt
Lyrikmail #350
Finster war’s, der Mond schien helle
Auf die grünbeschneite Flur,
Als ein Wagen blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen stehend Leute
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschossner Hase
Auf dem Wasser Schlittschuh lief
Und ein blondgelockter Knabe
Mit kohlrabenschwarzem Haar
Auf die grüne Bank sich setzte,
Die gelb angestrichen war.
Quelle:
Volksthümliches aus dem Königreich Sachsen. Auf der Thomasschule ges. von Oskar Dähnhardt. Bd. 1. Leipzig: Teubner, 1898. S. 58.
Dunkel war’s, der Mond schien helle: Verse, Reime und Gedichte
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