Lyrikmail #746 Chamisso – Katzennatur
Katzennatur
‘s war mal ‘ne Katzenkönigin,
Ja, ja!
Die hegte edlen Katzensinn,
Ja, ja!
Verstand gar wohl zu mausen,
Liebt’ königlich zu schmausen,
Ja, ja! – Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!
Die hatt ‘nen schneeweißen Leib,
Ja, ja!
So schlank, so zart, die Hände so weich.
Ja, ja!
Die Augen wie Karfunkeln,
Sie leuchteten im Dunkeln,
Ja, ja! – Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!
Ein Edelmausjüngling lebte zur Zeit,
Ja, ja!
Der sah die Königin wohl von weit,
Ja, ja!
‘ne ehrliche Haut von Mäuschen,
Der kroch aus seinem Häuschen,
Ja, ja! – Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!
Der sprach: in meinem Leben nicht,
Ja, ja!
Hab ich gesehen so süßes Gesicht,
Ja, ja!
Die muß mich Mäuschen meinen,
Sie tut so fromm erscheinen,
Ja, ja! – Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!
Der Maus: willst du mein Schätzchen sein?
Ja,ja!
Die Katz: ich will dich sprechen allein.
Ja, ja!
Heut will ich bei dir schlafen –
Heut sollst du bei mir schlafen –
Ja, ja! – Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!
Der Maus, der fehlte nicht die Stund,
Ja, ja!
Die Katz, die lachte den Bauch sich rund,
Ja, ja!
Dem Schatz, den ich erkoren,
Dem zieh ich’s Fell über die Ohren,
Ja, ja! – Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!
Adelbert von Chamisso (1781-1838)
Peter Schlemihls wundersame Geschichte:
Mit den Farbholzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner
Lyrikmail #742 Novalis – Muß immer der Morgen wiederkommen?
2.
Muß immer der Morgen wiederkommen? Endet nie
des Irdischen Gewalt? unselige Geschäftigkeit ver-
zehrt den himmlischen Anflug der Nacht. Wird nie
der Liebe geheimes Opfer ewig brennen? Zugemessen
ward dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos
ist der Nacht Herrschaft. – Ewig ist die Dauer des
Schlafs. Heiliger Schlaf – beglücke zu selten nicht der
Nacht Geweihte in diesem irdischen Tagewerk. Nur
die Thoren verkennen dich und wissen von keinem
Schlafe, als den Schatten, den du in jener Dämmerung
der wahrhaften Nacht mitleidig auf uns wirfst. Sie
fühlen dich nicht in der goldnen Flut der Trauben – in
des Mandelbaums Wunderöl, und dem braunen Safte
des Mohns. Sie wissen nicht, daß du es bist der des
zarten Mädchens Busen umschwebt und zum Himmel
den Schoß macht – ahnden nicht, daß aus alten Ge-
schichten du himmelöffnend entgegentrittst und den
Schlüssel trägst zu den Wohnungen der Seligen, un-
endlicher Geheimnisse schweigender Bote.
(1799)
aus: Hymnen an die Nacht
Novalis (1708-1754)
Lyrikmail #730 Schwarz
ISt Lieb ein Feur / und kan das Eisen schmiegen /
bin ich voll Feur / und voller Liebes Pein /
wohrvohn mag doch der Liebsten Hertze seyn?
wans eisern wär / so würd eß mir erliegen /
wans gülden wär / so würd ichs können biegen
durch meine Gluht; solls aber fleischern seyn /
so schließ ich fort: Eß ist ein fleischern Stein:
doch kan mich nicht ein Stein / wie sie / betriegen.
Ists dan wie Frost / wie kalter Schnee und Eiß /
wie presst sie dann auß mir den Liebesschweiß?
Mich deucht: Ihr Herz ist wie die Loorberblätter /
die nicht berührt ein starcker Donnerkeil /
sie / sie verlacht / Cupido / deine Pfeil;
und ist befreyt für deinem Donnerwetter.
Sibylla Schwarz (1621-1638)
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