Lyrikmail #763 Labé – Ich leb, ich sterb…
Ich leb, ich sterb: ich brenn und ich ertrinke,
ich dulde Glut und bin doch wie im Eise;
mein Leben übertreibt die harte Weise
und die verwöhnende und mischt das Linke
Mir mit dem Rechten, Tränen und Gelächter
Ganz im Vergnügen find ich Stellen Leides,
was ich besitz, geht hin und wird doch echter:
ich dörr in einem, und ich grüne, beides.
So nimmt der Gott mich her und hin. Und wenn
ich manchmal mein′, nun wird der Schmerz am größten,
fühl ich mich plötzlich ganz gestillt und leicht.
Und glaub ich dann, ein Dasein sei erreicht,
reißt es mich nieder aus dem schon Erlösten
in eine Trübsal, die ich wiederkenn.
Louise Labé (1524-1566)
deutsch von von Rainer Maria Rilke
Lyrikmail #761 Abschatz – Taback: übersezt aus dem Barclayo
Taback: übersezt aus dem Barclayo
Pflantze/ deren Rauch das Gifft
Bunter Schlangen übertrifft/
Welche die Natur verbannt
In ein weit-entlegnes Land.
Wo der Wilden tummer Geist
Seine Larven Götter heist/
Wo der Barbarn freche Schaar
Weyland unbeherrschet war.
Wer/ o mehr als Höllen-Kraut/
Hat der Fichte dich vertraut?
Wessen unbehirntes Haubt
War der Sinnen so beraubt/
Daß es dich in unser Land
Durch die weite See gesandt?
Kunte nicht Neptun das Schiff/
So durch seine Wellen liff/
Und dergleichen schnöde Last
Hielt gefangen um den Mast/
Durch der Winde rasend Heer
Stürtzen in das tieffste Meer/
Treiben auff erhöhten Sand/
Schlagen an der Klippen Wand/
Führen auff ein falsches Bay
Schmettern in viel Stück entzwey!
Konte nicht der Jupiter
Aller Sternen Ober-Herr/
Auff das schwancke Wasser-Hauß
Blitz und Donner schütten aus/
Und verzehren durch die Glutt
Schneller Flammen Schiff und Gutt.
Aber/ ach! als Streit und Krieg
Uberall behielt den Sieg/
Als sich unser Vaterland
Richte hin mit eigner Hand/
Als das Blutt aus naher Schoß
Durch des Freundes Hände floß/
Als die Mutter ihrem Sohn
Halff durch arge Gifft davon/
Fehlte bey dem Krieges-Joch
Diese Pest/ diß Ubel noch.
Dieses must auff frischer Bahn
Seyn den Fremden nachgethan/
Dieses must in kurtzer Zeit
Seyn gelitten weit und breit/
Biß es worden so gemein
Daß es ärger nicht kan seyn.
O verkehret-neuer Brauch!
O beschwerter Höllen-Rauch/
Wer kan deinen Nebel-Dunst
Uns beschreiben nach der Kunst?
Wer kan bringen auffs Papir
Was für Schaden steckt in dir?
Des Avernus schwartzer See
Schicket nimmer in die Hoh
Aus dem faulen Schwefel-Bruch
Einen solchen Mord-Geruch;
Wenn sie Flegeton bewegt
Und Cocytus überschlägt.
Wann in Radamantus Haus
Ihre Fackeln löschet aus
Die um Schultern Haubt und Haar
Viel-beschlangte Schwester-Schaar/
Findet sich kein solcher Rauch
Als auff dieses Krautes Brauch/
Welches um die Stirne flieht
Und den tollen Kopff durchzieht/
Welches den Verstand bekriegt/
Angebohrnes Naß besiegt.
O Gewächse/ dessen Gifft
Basiliscen übertrifft/
Hätte bey der alten Welt
Herculem den kühnen Held
Cacus der verschlagne Mann
Mit Tabac geblasen an/
Seiner Helden-Armen Krafft
Hätte nichts an ihm geschafft.
Hätte deinen Nutz erkannt
Das berühmte Grichen-Land/
Würde man/ statt andrer Gifft/
Haben deinen Brauch gestifft/
Würdestu der Dichter Schaar/
So damahls im Leben war/
Von des Höllen-Hundes Speyn
Zweiffels-frey entsprossen seyn.
So den Vater denn durch Mord
Hätt ein Sohn geschicket fort/
Würde für ihn Brand und Glutt/
Hahn und Affe/ Sack und Flutt/
Creutz und Galgen/ Rad und Strang/
Schweffel/ Pech und Folter-Banck/
Geissel/ Bley und andre Pein/
Allzuschlecht gewesen seyn:
Des Tabackes Nebel-Nacht
Würd ihn haben umgebracht.
Hans Aßmann von Abschatz (1646-1699)
Lyrikmail #507
Osterpredigt in Reimen
Verehrter Mitmensch, höre und vernimm
Freundwillig mit Hulden und ohne Grimm:
Dieweil es nun Ostern geworden ist,
Sollst du, von welcher Art du auch bist,
Ob Heide, Jude, Moslem, Christ,
Durchaus vergnügt im Herzen sein,
Osterwürdig und osterrein.
Mit einem Birkenreise kehre
Aus deiner Seele den Geist der Schwere!
Der Wenns und Abers und Achs und Os,
Die hart und starr dein Herz umwindet,
Daß der Geist der Leichte kaum Eingang findet,
Mache dich hurtig und heiter los!
Du brauchst nichts weiter dazuzutun,
Als dich im Grünen auszuruhn.
Da atmet sichs sehr wonnig ein,
Was dir das Herz macht frei und rein:
Der jungen Blumen frischer Hauch;
Und die Augen haben der Wonne auch,
Denn nichts ist lieblicher anzusehn,
Als wie sie da hold beisammenstehn,
Blau, weiß und rosa, klar und licht,
Der Erde süßestes Ostergedicht.
An ihnen dir ein Beispiel zu nehmen,
Sollst du, ach Mensch, dich keineswegs schämen!
Vergiß dein Gehirn eine Weile und sei
Gedankenlos dem lieben Leben
Blumeninnig hingegeben;
Vergiß dein Begehren, vergiß dein Streben
Und sei in seliger Einfalt frei
Des Zwangs, der dich durchs Hirn regiert!
Er hat dich freilich hoch geführt
Und vieles dir zu wissen gegeben,
Aber das allertiefste Leben
Wird nicht gewußt, wird nur gespürt.
Der Blumen zarte Wurzeln fühlen
Im keimlebendigen, frühlingskühlen
Erdboden mehr von ihm als du.
Und bist doch auch ein Kind der Erde.
Daß sie nicht sinnenfremd dir werde,
Wende ihr heut die Sinne zu!
Das ist der festlich tiefe Sinn
Der Ostertage: Mit Entzücken
Sollst du zum Mutterschoß dich bücken.
Gib heut, o Mensch, dich innerst zu beglücken,
Der Mutter Erde frühlingsfromm dich hin!
Otto Julius Bierbaum
Lyrikmail #756 Rinck – jardins des tuileries
jardins des tuileries
in den gärten ein verschwitzter hang
zur symmetrie, buchsbäume, kegelig zivilisiert,
hitze und schon wieder der identische brunnen,
überladen, ganz leise verwirrend entlang einer
psychischen achse gespiegelt. so heiß dann ich
als varianz an seiner feuchten hand, ein schleier,
wie ein innerer nebel, kondensate, tröpfchen bildend,
wir denken mit den haaren, mit den härchen und
wo es den körper hinaus geht, geht es wieder hinein,
ist es warm wie beim betreten eines innenraums,
vielleicht ein dampfiges zimmer inmitten der lunge,
die durchtriebene weichheit orientalischer kissen,
hingaben im rhythmus des handkantenschlags und
der symmetrische nachgeschmack unserer grenzen.
Monika Rinck (*1969)
Lyrikmail #753
Emanuel Geibel
Ostermorgen
Die Lerche stieg am Ostermorgen
Empor ins klarste Luftgebiet
Und schmettert’, hoch im Blau verborgen,
Ein freudig Auferstehungslied,
Und wie sie schmetterte, da klangen
Es tausend Stimmen nach im Feld:
Wach auf, das Alte ist vergangen,
Wach auf, du froh verjüngte Welt!
Wacht auf und rauscht durchs Tal, ihr Bronnen,
Und lobt den Herrn mit frohem Schall!
Wacht auf im Frühlingsglanz der Sonnen,
Ihr grünen Halm’ und Läuber all!
Ihr Veilchen in den Waldesgründen,
Ihr Primeln weiß, ihr Blüten rot,
Ihr sollt es alle mit verkünden:
Die Lieb’ ist stärker als der Tod.
Wacht auf, ihr trägen Menschenherzen,
Die ihr im Winterschlafe säumt,
In dumpfen Lüsten, dumpfen Schmerzen
Ein gottentfremdet Dasein träumt.
Die Kraft des Herrn weht durch die Lande
Wie Jugendhauch, o laßt sie ein!
Zerreißt wie Simson eure Bande,
Und wie der Adler sollt ihr sein.
Wacht auf, ihr Geister, deren Sehnen
Gebrochen an den Gräbern steht,
Ihr trüben Augen, die vor Tränen
Ihr nicht des Frühlings Blüten seht,
Ihr Grübler, die ihr fern verloren
Traumwandelnd irrt auf wüster Bahn,
Wacht auf! Die Welt ist neugeboren,
Hier ist ein Wunder, nehmt es an!
Ihr sollt euch all des Heiles freuen,
Das über euch ergossen ward!
Es ist ein inniges Erneuen
Im Bild des Frühlings offenbart.
Was dürr war, grünt im Wehn der Lüfte,
Jung wird das Alte fern und nah,
Der Odem Gottes sprengt die Grüfte -
Wacht auf! der Ostertag ist da.
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