Lyrikmail #852 Thoma
August
So hat man nichts als immer Regen,
Es plätschert laut, es rieselt still,
Es sammelt Dreck auf allen Wegen,
Wie Gott es will.
Man fühlt sich gänzlich auf dem Hunde
Und kommt so weit, wenn’s immer gießt,
Daß man in einer solchen Stunde
Die Zeitung liest.
Auf Seite zwei die Redeflüsse
In Bayerns Sommerparlament –
Das ist der schönste der Genüsse!
Kreuzsakrament!
Man hört den Regen, liest die Seiche
Und hat so das Gefühl dabei,
Man trete in das Windelweiche,
In lauter Brei.
Ludwig Thoma (1867-1921)
Lyrikmail #849 Draesner
flandern,
richtung
hören
wie lebensläufe
höhlen oder die
maas, die maas
beladen mit kähnen
die die fische
nicht erklären
also läufe
einzelnes rückblickend
wie pflückend
als sprächen blätter
möglich: blatthöhlen
zwischen adern
und läusen
nichts dunkles zu
hören personenlifte
nur, angeln
in der maas gelb
treibende köder
erklärt das nun fisch
draußen die sonne
ein feld
das leere
quadrate malt
Ulrike Draesner (* 1962)
© bei der Autorin
Erschienen im Rahmen der Publikation KONZEPTE ZEITSCHRIFT FÜR LITERATUR
Lyrikmail #843 Stadler
Puppen
Sie stehn im Schein der Kerzen, geisterhafte Paare,
spöttisch und kokett in den Vitrinen
Wie einst beim Menuett. Der Schönen Hände schürzen
wie zum Spiel die Krinolinen
Und lassen weich gewölbte Knöchel über Seidenschuhe
blühn. Die Kavaliere reichen
Galant den degenfreien Arm zum Schritt,
und ihre feinen frechen Worte, scheint es, streichen
Wie hell gekreuzte Klingen durch die Luft,
bis sie in kühlem Lächeln über ihrem Mund erstarren,
Indes die Schönen in den wohlerwognen Attituden
sanft und träumerisch verharren.
So stehn sie, abgesperrt von greller Luft,
in den verschwiegnen Schränken
Hochmütig, kühl und fern und scheinen langvergeßnen
Abenteuern nachzudenken.
Nur wenn die Kerzen trüber flackern,
hebt ihr dünnes Blut sich seltsam an zu wirren:
Dann fallen Funken in ihr Auge.
Heiße Worte scheinen in der Luft zu schwirren.
Der Schönen Leib erbebt. Im zarten Puder
der geschminkten Wangen gleißt
Ihr Mund wie eine tolle Frucht,
die Lust und Untergang verheißt.
Ernst Stadler (1883-1914)
Lyrikmail #842 Crauss
STRANDVERZUG
als wir am andern tag
an den strand kamen, hatte sich
alles verschoben: die wasserwacht sass draussen,
auf den wellen entschwamm buhne 12, die leute
nahmen den kaffee im schwimmring. die wolken
wollten einen idyllischen nachmittag machen,
aber wir wussten: die küste würde sich weiter
verschieben, die gesichter blieben dieselben,
den möven war es egal, welche fische sie pickten,
& sommer ist auch nur ein wort.
die burgen versteinerten, brachen, die schirme
schimmerten süss, & klebrig quollen die quallen
in gläser hinein: ein mitbringsel für die,
die noch land unter den füssen & ebenen
als horizont hatten. die wellen türmten sich auf.
Crauss (*1971)
Lyrikmail #832 Mörike
An den Schlaf
Somne levis! quanquam certissima mortis imago,
Consortem cupio te tamen esse tori.
Alma quies, optata, veni! nam sic sine vita
Vivere, quam suave est, sic sine morte mori! Meibom
Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
Auf diesem Lager doch willkommen heiß ich dich!
Denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
So weit vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!
Eduard Mörike (1804-1875)
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