Lyrikmail #1094 Mayröcker
erschrecke zuweilen dasz der zu dem ich
spreche nicht da ist, gelbe und rote längliche
Blättchen vom Robinienbaum wehen zur Erde, dann
durch die Quergasse ins BÜRGER CAFE, lesend mit
Blüten und Wolken, o Jesu dein Blut wer kann mich
erretten, mit Eichen bedeckt und seltenen Tannen, dieser
rasche Abschied du eilst zum Wagen die Steine von Syphnos mit
blaugrünen Brauen während die Schnittblumen messer-
scharf in der Wiese, die knallharte Mnemothechnik, Gedächtniskunst,
automatisiertes Hersagen An- und Ausziehen Lesen, tropfe
tupfe auf den Asphalt oder meine knarrenden
Schritte. Das Küchenfenster steht offen mein Hirn
in den Kniekehlen, atme schwer
15./16.10.04
Friederike Mayröcker (*1924)
—
inorridisco talvolta che colui al quale io
parlo non è qui, gialle e rosse lunghe
foglioline di robinia volteggiano a terra, poi
per la via traversa fino al CAFE BÜRGER, leggendo con
fiori e nuvole, o Gesù il tuo sangue chi mi può
salvare, coperta di querce e strani abeti, questo
rapido congedo tu ti affretti alla macchina le pietre di Syphnos con
sopracciglia verde-azzurro mentre i fiori recisi coltello
affilato nel prato, fulminante mnemotecnica, arte della memoria,
automatizzato recitare indossare svestire leggere, gocciola
sfiora picchiettando sull’asfalto ovvero i miei passi
scricchiolanti. La finestra della cucina è aperta il mio cervello
nei popliti, respiro a fatica
15./16.10.04
Friederike Mayröcker (*1924)
Ins Italienische übersetzt von Riccarda Novello
© bei den Autoren
Lyrikmail #1088 Dach
Perstet amicitiæ semper venerabile Fædus!
Vor 1640.
1.
Der Mensch hat nichts so eigen,
So wol steht jhm nichts an,
Als daß Er Trew erzeigen
Vnd Freundschafft halten kan;
Wann er mit seines gleichen
Soll treten in ein Band,
Verspricht sich nicht zu weichen
Mit Hertzen, Mund vnd Hand.
2.
Die Red’ ist vns gegeben,
Damit wir nicht allein
Vor vns nur sollen leben
Vnd fern von Leuten seyn;
Wir sollen vns befragen
Vnd sehn auff guten Raht,
Das Leid einander klagen
So vns betretten hat.
|3.
Was kan die Frewde machen,
Die Einsamkeit verheelt?
Das gibt ein duppelt Lachen,
Was Freunden wird erzehlt;
Der kan sein Leid vergessen,
Der es von Hertzen sagt;
Der muß sich selbst aufffressen,
Der in geheim sich nagt.
4.
Gott stehet mir vor allen,
Die meine Seele liebt;
Dann soll mir auch gefallen,
Der mir sich hertzlich giebt;
Mit diesem Bunds-Gesellen
Verlach’ ich Pein vnd Noht,
Geh’ auff dem Grund der Hellen
Vnd breche durch den Tod.
5.
Ich hab’, ich habe Hertzen
So trewe, wie gebührt,
Die Heucheley vnd Schertzen
Nie wissendlich berührt;
Ich bin auch jhnen wieder
Von grund der Seelen hold,
Ich lieb’ euch mehr, jhr Brüder,
Als aller Erden Gold.
Simon Dach (1605 – 1659)
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