Lyrikmail #1126 Janz – Ich versäume
Ich versäume
Ich versäume, was meins war,
ich räume mich weg.
Ich spreche vom Sprechen-
können, rede, als sei
ich bei mir.
Die Tage voller Verluste,
wenn an mir vorbei
die Baracke vor Erinnerung
glühte. Verhaftete Frauen,
gebunkerte Männer, gesicherte Kinder.
Ich räume mich weg, ver-
säume, was meins war, wenn
an mir vorbei Arbeitsplätze
abgewickelt zerfasern, oh mein
heiliges, unantastbares,
bis zum Letzten Aufgehobenes,
privates Gespräch mit dem Chef!
Denken Sie an meine Frauen?
Denken Sie an unser Projekt?
Darf ich Ihnen erklären, warum
es in dieser Gesellschaft immer noch das Phänomen der Jugend gibt?
Pardon, wofür ich hier gerade stehe, das sichert Ihre Zukunft.
Die spucken, treten, zerstören?
Was denn, was denn weg
und aus dem Weg?
Ich erinnere, ich räume mich aus, ja,
ich hatte Vorbilder: Die saßen an all den Stellen
damals, wo heute die Kapitalertragsnutznießerrechner sitzen,
damals saßen solidarische Freunde dort,
die sich sogar Sorgen machten.
Ich versäume, was meins war, aber, Chef;
ich räume mich nicht weg!
Angelika Janz (*1952)
aus: Angelika Janz: orten vernähte alphabethien. Texte.
Verlag Wiecker Bote, Greifswald 2002
Lyrikmail #1123 Fontane
Die einen sagen, wir haben gewonnen
Die einen sagen, wir haben gewonnen,
Die andern sagen, sie haben gewonnen,
Ich aber sage das eine nur:
Es ward viel gelaufen bei Sherifmur,
Wir sind gelaufen und sie sind gelaufen,
Gelaufen einzeln und in Haufen.
Wir haben den linken Flügel geschlagen,
Der rechte Flügel hat uns geschlagen,
Eine Rennbahn war die ganze Flur,
Es ward viel gelaufen bei Sherifmur,
Wir sind gelaufen und sie sind gelaufen,
Gelaufen einzeln und in Haufen.
Rob Roy, o wärst du zu Hilf’ uns gekommen,
Es hätt’ ein andres Ende genommen,
So aber war das Ende nur:
Es ward viel gelaufen bei Sherifmur,
Wir sind gelaufen und sie sind gelaufen,
Gelaufen einzeln und in Haufen.
Theodor Fontane (1819-1898)
Lyrikmail #1113 Goethe – Lesebuch
Lesebuch
Wunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe;
Aufmerksam hab ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden;
Einen Abschnitt macht die Trennung.
Wiedersehn! ein klein Kapitel,
Fragmentarisch. Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.
O Nisami! – doch am Ende
Hast den rechten Weg gefunden;
Unauflösliches, wer löst es?
Liebende, sich wieder findend.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
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