Lyrikmail #1172 Fleming – An die Liebste
An die Liebste
Laß uns blühen, wie wir blühn,
Eh der Winter welker Haare
Dir die goldgemengten Haare
Wird mit Silber überziehn,
Eh mir dieser Mund erblasset,
Der dann haßt und wird gehasset.
Paul Fleming (1609-1640)
Biographie: geb. am 5.10.1609 zu Hartenstein (Sachsen), 1623 Schüler der Thomasschule Leipzig, Studium der Medizin sowie schöngeistige u. philosophische Studien, Ende 1631 wird er zum Dichter gekrönt, 1632 Magister, orientalische Reisen, veranstaltet vom Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorp, nach Beendigung der zweiten Reise (Oktober 1639) geht er nach Leiden und wird Doktor der Medizin. Er stribt auf der Rückreise in Hamburg am 2.4.1640.
Lyrikmail #1169 Wildgans
Ich hab mit Dir noch nie allein gesprochen,
Du sahst noch niemals tief in mein Gesicht,
Kennst nur die Narrenmaske aber nicht
Die Seele, die dahinter fast zerbrochen.
Wie ein geschlagner Hund ist sie verkrochen,
Den Blick zur Erde wie ein Bösewicht,
Und will doch nichts als Liebe, Geist und Licht -
Die arme Seele, die mir fast zerbrochen.
Da ist in ihr verfrostet Einsamsein
Dein junger Anhauch sündhaft eingedrungen,
Da fühle ich: Es schmilzt in mir der Stein,
Der mich hinunterzog zu Niederungen.
Wir waren noch zusammen nie allein -
Und doch ist dieses Wunder Dir gelungen.
Anton Wildgans (1881-1932)
Lyrikmail #1161 Goethe
Katzenpastete
Bewährt den Forscher der Natur
Ein frei und ruhig Schauen,
So folge Meßkunst seiner Spur
Mit Vorsicht und Vertrauen.
Zwar mag in einem Menschenkind
Sich beides auch vereinen;
Doch daß es zwei Gewerbe sind,
Das läßt sich nicht verneinen.
Es war einmal ein braver Koch,
Geschickt im Appretieren;
Dem fiel es ein, er wollte doch
Als Jäger sich gerieren.
Er zog bewehrt zu grünem Wald,
Wo manches Wildpret hauste,
Und einen Kater schoß er bald,
Der junge Vögel schmauste.
Sah ihn für einen Hasen an
Und ließ sich nicht bedeuten,
Pastetete viel Würze dran
Und setzt’ ihn vor den Leuten.
Doch manche Gäste das verdroß,
Gewisse feine Nasen:
Die Katze, die der Jäger schoß,
Macht nie der Koch zum Hasen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Lyrikmail #1157 Klabund
Der müde Soldat
Nach dem Chinesischen
Ein kahles Mädchen. Heckenblaßentlaubt.
Sie steht am Weg. Ich gehe weit vorbei.
So stehen alle: Reih in Reih
Und Haupt an Haupt.
Was weiß ich noch von heiligen Gewässern
Und von des Dorfes Abendrot?
Ich bin gespickt mit tausend Messern
Und müde von dem vielen Tod.
Der Kinder Augen sind wie goldner Regen,
In ihren Händen glüht die Schale Wein.
Ich will mich unter Bäumen schlafen legen
Und kein Soldat mehr sein.
Klabund (1890-1928)
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