Lyrikmail #1211 Stolz
Atemwege
Atemwege sind mir lieber, sagst du
auf der Ausfallstraße – und wir
lieben uns wieder mal
in der Sprache. Am Fuß
des Hahnebergs, dem schönsten
Schutthaufen der Stadt, haben wir
eine Panne, spontan. Es kommt
Wetter auf und Laune, und du
führst mich ins Licht, dahinter
wittere ich schon das Meer.
Geht hier nicht, sagst du – doch
da ist sie, die Gelegenheit, dich
ad absurdum zu führen: dein Atem
ist schon lauter als die Straße
und da – tauchen wir unter
unsere Nervenkostüme. Ich sage:
Weiter – atmen -
Rainer Stolz (*1966)
erschienen u. a. in: Das Gedicht Nr. 15, Thema: Liebe mit allen Sinnen, Weßling 2007
Lyrikmail #1199 Tucholsky – Malwine
Malwine
Ich habe mich deinetwegen
gewaschen und rasiert.
Ich wollte mich zu dir legen
mit einem Viertelchen,
mit einem Achtelchen -
Malwine!
Doch du hast dich geziert.
Der Kuckuck hat geschrien
auf deiner Schwarzwalduhr.
Ich lag vor deinen Knien:
“Gib mir ein Viertelchen!
Gib mir ein Achtelchen!
Malwine!
Ein kleines Stückchen nur!”
Dein Bräutigam war prosaisch.
Demselben hat gefehlt,
dieweilen er mosaisch,
ein kleines Viertelchen,
ein kleines Achtelchen…
das hätt dich sehr gequält!
Du hast mir nichts gegeben
und sahst mich prüfend an.
Das, was du brauchst im Leben,
sei nicht ein Viertelchen,
und nicht ein Achtelchen…
das sei ein ganzer Mann -!
Mich hat das tief betroffen.
Dein Blick hat mich gefragt…
Ich ließ die Frage offen
und habe nichts gesagt.
Daß wir uns nicht besaßen!
So aalglatt war mein Kinn.
Nun irr ich durch die Straßen…
Malwine-!
und weine vor mich hin.
Kurt Tucholsky (1890-1935)
Gedichte
Lyrikmail #1194 Rubcov
Jahreswende
Im Licht der Sterne streift der Frost
durch Wald und die weißen Wiesen,
indem er lustvoll den Schnee knirschen läßt
und tändelnd die Zweige liebkost.
Und schlendernd, daß er die Tannen bestrickt,
macht er den Schönen den Hof,
worauf er sie mit Atlasschnee schmückt
und prompt auf den Neujahrsweg schickt!
Dann wirft er sich selber in Schale,
wird plötzlich zum jungen Mann
und läuft verwandelt zum nächtlichen Fest-
wen käm da nicht Feierlust an?
Er läuft durch bedrohliche Wälder
mit seltenen Gaben bestückt
und flirtet erneut mit den Zweigen,
und zwinkert den Sternen zurück.
Und Eisstückchen antworten klirrend,
doch eilt er zum Volk hin – na klar:
mit Sekt, mit Musik und mit Prosit
fürs ruhig verflossene Jahr!
Dort ist er gut Freund und mit allen bekannt,
und das Leben beginnt in Wahrheit
voll Überschwang wie von neuer Hand -
mit frostiger Frische und Klarheit.
Nikolaj Rubcov (1936-1971)
Aus dem Russischen von Hartmut Löffel
© des russischen Textes: Elena Rubcova, St. Petersburg
© der deutschen Übertragung: Hartmut Löffel
www.wiesenburgverlag.de
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