Lyrikmail #1253 Stadler

La Querida

Deine Umarmungen sind wie Sturm,
der uns über Weltenabgründe schwenkt,
Deine Umarmungen sind wie wildduftender Regen,
der das Blut mit Traum und Irrsein tränkt.
Aber dann ist Tag. Nachtschwere Augen brechen auf,
herwankend aus goldner Vernichtung und Tod,
Durch Ströme dunklen Bluts rausch ich zurück
wie Ebbe, fühle schneidend eine Not,
Höre deines Herzens Schlag an meinem Herzen klopfen
und weiß doch: du bist ganz fern und weit.
Fühle: überm Feuer dieser Lust, die wir entfacht,
weht eine Traurigkeit,
Näher an dir! Gewölk, das meinem stillern
Tagverlangen dein Gesicht entzieht,
Fremdes, darein du flüchtest, drin sich deine Inbrunst,
ferne Liebeslitaneien betend, niederkniet,
Herzblut, das tropft, verschollene Worte,
Streichen über heiße Stirn, Finger gefaltet,
Blicke zärtlich tauend, die ich nie gekannt -
Grenzenloses streckt sich wie ein undurchdringlich
tiefes, dämmerunggefülltes Land,
Gärten, zugewachsen, die ins Frühlicht eingeblüht
bei deiner Seele stehn -
Ich weiß: du müßtest über hundert Brücken,
weite zugesperrte Straßen gehn,
Rückwärts,
in dein Mädchenland zurück,
Müßtest deine Hand
mir geben und das lange Stück
Mit mir durchwandern,
bis Erinnerung, Lust und Wehe dir entschwänden,
Und wir in morgendlich begrünten Furchen
vor dem Tal des neuen Aufgangs ständen …
Aber du blickst zurück. Schrickst auf und schauerst.
Lächelst. Und deine Lippen sinken,
Geflügel wilder Schwäne, über meinen Mund,
als wollten sie sich um Erwachen
und Besinnung trinken.

Ernst Stadler (1883-1914)

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1244 Tucholsky

Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr,
Anna-Susanna?
Weißt du noch, was damals Mode war,
Anna-Susanna?
Die Literatur trug man vorne gerafft,
jede Woche gabs ein Genie.
Und alles murmelte: “Faaabelhaft!
Rein menschlich. . . irgendwie. . .!”

Wo sind die Blumen vom letzten Lenz,
Anna-Susanna?
Die Betonung des kosmischen Bühnen-Akzents,
Anna-Susanna?
Das gebildete Publikum lief zuhauf
mit der Kritiker-Artillerie.
Und die Stücke führt kein Mensch mehr auf,
rein menschlich irgendwie.

Wo ist der Schnee vom vergangenenJahr,
Anna-Susanna?
Brecht wird sein, was Sudermann war,
Anna-Susanna.
Sie brüllen sich hoch, die Reklame schreit,
das ist eine Industrie.
Pro Mann einen Monat Unsterblichkeit
- Anna-Susanna-
rein menschlich irgendwie.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1242 Brischke

augustenstraße, digital

atem. keine not im zimmer keine pflanzen keine toten. nur tanz
auf dem tisch schwarzes brot. ganz frisch aus dem ofen. verbrannt
auch spuren von mehl oder motten. karabinerhaken die einrasten
zu lasten des seils. ein kalter hund ohne schwanz rastet aus. im kasten
spielt ein einziger sound im spiegel kein mensch bloß ein paar
megapixel an der leine allein. stark sein im yoga verharren &
starr die arme die beine die scham enthaaren. zurecht gestutzt
das bermudadreieck zwischen mikrofon kopfhörer gegensprechanlage
abschalten. das haus im nacken wieder kehr wochenlang
jene treppen aushalten & dabei allmählich veralten.

Lars-Arvid Brischke (*1972)

Wat los, Parzen? EIN LESEBUCH
Lyrik und Prosa junger Autoren/innen
Hg. Tom Bresemann, Philip Maroldt, Björn Schäfer
ISBN: 3-926677-55-4, 74 Seiten, 11,90 €
APHAIA VERLAG Berlin 2006

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1239 Christen

Letzter Versuch

Ich habe mich zu erhängen gesucht:
Der Strick ist abgerissen.
Ich bin in’s Wasser gesprungen:
Sie erwischten mich bei den Füßen.
Ich habe die Adern geöffnet mir:
Man hat mich noch gerettet.
Ich sprang auch einmal zum Fenster hinaus:
Weich hat der Sand mich gebettet.
Den Teufel! ich habe nun alles versucht,
Woran man sonst kann verderben -
Nun werd’ ich wieder zu leben versuchen:
Vielleicht kann ich dann sterben.

Ada Christen (1839-1901)

aus: Lieder einer Verlorenen.

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1237 Bossong

Reglose Jagd

Die Ställe hangabwärts, es heißt, den Hasen
habe ein Marder geholt, ein Fuchs, niemand
ist sicher, man lebt hier selten
nachts. Das Haus zu groß
für ein Haus, die Menschen zu reich, um aus
meiner Zeit zu sein. Und dennoch gehen wir
auf die Jagd gemeinsam, durch die verwachsenen
Ränder des Familienerbes, kein Tier
knackt das Unterholz, kein Kadaver
legt seinen Geruch wie ein spukender Ahne
an die Grenze des Grundstücks. Ich glaube, alles
hält die Terrasse verborgen, niemand
folgt mir nach, wie sollten sie auch, meine Tage
liegen anderswo. Nur die Seeadler auf den Pfosten
lassen mich nicht aus dem Blick, ich fühle
ihre gefeilten Augen mir in den Nacken starren,
bis ich stürze, doch das ist unwesentlich, nur
eine kurzfristige Veränderung des alten Gebäudes.

Nora Bossong
(*1982)

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]