Lyrikmail #1291 Brachmann

Die Jahreszeiten

An Sidonie

Jede Jahreszeit trägst Du im Bilde! Die goldenen Locken
Gleichen dem Ährengefild, wenn es die Sonne bestrahlt:
Reifen, lieblichen Früchten sind diese reizenden Lippen
Ähnlich; zum weihenden Kuß schwellen sie sittsam empor.
Auf den Wangen blüht dir der rosige Lenz: und der Winter
Hat dir mit blendendem Schnee Busen und Arme bestreut.

Louise Brachmann (1777-1822)

Sidonie = Sidonie von Hardenberg, Schwester von Novalis

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Lyrikmail #1283 Schwarz

Lieber sterben als lieben
Im Namen eines guhten Freundes

MAn sagt mir zwahr: Ich soll dich hassen /
und nicht mehr lieben / wie ich pflag /
so kan ich doch nicht vohn dir lassen /
ich fliehe dich auch / wie ich mag.
Wie offt hab ich mir fürgenommen /
du sollest mir in meinen Sinn /
O Galatee / nicht mehr kommen /
Nein / Nein / ich lieb dich wie vorhin.
Wir sind je nicht zu gleich gebohren /
eß gleichen unsre Sternen nicht /
mir hette Venus sich verloren /
dir aber schien ihr helles Licht.
Werd ich durch List dan hintergangen /
und hat man mir was beygebracht /
daß ich so stets an dir muß hangen
und ruhe weder Tag noch Nacht?
Seh ich dich an / so fühl ich Schmerzen;
genieß ich deiner Gegenwart /
so ist mir auch nicht wohl zuhm Herzen /
Ich stehe bey dir / wie erstart.
Die Rede will mir ganz nicht fliessen /
Ich zittre wie ein Espen Laub /
der Augen Quell muß sich ergiessen /
Ich bin wie Sinnloß / stumb und taub.
Auch glaub ich / daß auß diser Ketten
und auß dem harten Liebes Streit
mich Perseus selbst nicht könt erretten /
der doch Andromeden befreyt.
Darumb woll Cloto meinem Leben /
weil sonst mir nicht zu helffen steht /
die längst=gewündschet’ Endschafft geben /
dardurch ein Mensch der Lieb entgeht.

Sibylla Schwarz (1621-1638)

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