Lyrikmail #1318

stan lafleur

der elfmeter

mit taubstummen fingern legte er sich den ball
einen von der sorte, die noch wild auf baeumen
wachsen & das fast vergessene qualitaetssiegel
sturmreif tragen, auf dem elfmeterpunkt zurecht

als ihm ein gedanke kam, er den ball erneut in
die hoehe nahm, um ihm einen kusz zu geben
der nach acht glaesern wacholder vom vorabend
roch. weit entfernt schrumpfte langsam das tor

in dem er, glasigen sinnes, einen fiesen kasper
ausmachte, so ein gummitier, perfide erfindung
der spielzeugindustrie, der dort dehnuebungen
absolvierte & mit allen sechs armen, ueber deren

enden ueberdimensionierte handschuhe stuelpten
die spinnweben von latte & pfosten entfernte -
es gab nur einen einzigen kanal, mit einer winzigen
oeffnung, durch den sein schusz wuerde passieren

koennen. ein gewundener tunnel, gleich seiner
eigenen gedankenbahn, an dessen ende ein prall
gefuellter zwiebelsack hing, den er um eine weitere
frucht bereichern wuerde. er lief an zur legende

stolperte, schlug nieder, rappelte sich auf, knickte
erneut ein, zwinkerte sogar mit einem auge, sein
x-bein, das linke, machte sich selbstaendig, turnte
sich zuegig auf die schuszbeinposition, waehrend

sein standbein noch nachhakte, der ball flog so
wie der torwart flog, sie flogen, beide flogen sie
man sagt, sie floegen noch heute, waere nicht in
jenem moment das erdbeben ausgebrochen, das

soviele opfer kostete, eine ehrliche naturkatastrofe
weit groeszer als von menschen verursachte fouls
& strafstoesze, der platz hob & senkte sich & war
danach, jeder weisz das, nie wieder richtig bespielbar

Stan Lafleur
(*1968)

(c) beim Autor

aus: Stan Lafleur – die welt auf dem fusz
Fußballgedichte mit Halbzeitpause
Koall Verlag, Berlin Mai 2006
Taschenbuch, 144 Seiten, 11,90 EUR
versandkostenfrei zu bestellen: http://www.koall-verlag.de

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Lyrikmail #1317

Friedrich Schiller

Wiederholung

Hundertmal werd ichs euch sagen und tausendmal: Irrtum ist Irrtum!
Ob ihn der größte Mann, ob ihn der kleinste beging.

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Lyrikmail #1316

Friedrich von Hagedorn

Der Bär und der Liebhaber seines Gartens

Ein unerfahrner Bär voll wilder Traurigkeit,
Den in den dicksten Wald sein Eigensinn verstecket,
Vertrieb, unausgeforscht, durch Klipp’ und Berg gedecket,
Wie ein Bellerophon die Zeit.

Hier sträubet sich der Petz; er liebt nur diese Kluft,
Und meidet stets die Spur der Bären, seiner Brüder.
Mit Brummen wälzt er sich im Felsen auf und nieder;
Sein schwaches Haubt scheut freie Luft.

Dies macht ihn ganz verwirrt. Ihm gleicht vielleicht die Zunft
Der Weisen dunkler Art, der schweren Sonderlinge;
Die fliehen Licht und Welt, und haschen Wunderdinge;
Nur nicht die Gabe der Vernunft.

Einst, da er saugend sinnt, wird ihm sein Lebenslauf
(Wenn das ein Leben ist) auf einmal sehr verdrießlich.
Er will gesellig sein; dies hält er für ersprießlich.
Und kurz: er macht sich taumelnd auf.

Wohin? das weiß er nicht: das Glück mag Führer sein,
Das Glück, der Thoren Witz. Nicht weit von seiner Höhle
Lebt’ ein bejahrter Mann mit einer trägen Seele,
Fast wie der Petz, stumm, und allein.

Auch der sucht keinen Scherz, der andern artig scheint.
Was Herbst und Sommer zollt, des grünen Frühlings Gaben
Vergnügen seinen Fleiß. Ich müßt’ ein mehrers haben:
Was aber? Einen klugen Freund.

Der Fluren bunter Schmelz entzücket das Gesicht;
Pomonens Ueberfluß kann tausend Freude machen;
Man darf mit Blum’ und Frucht vertraulich reden, lachen;
Doch nur in Fabeln: weiter nicht.

Nicht wahr? die Einsamkeit ist nicht auf ewig schön.
Unmitgetheilte Lust muß Ueberdruß erwecken;
Der bringt den Greis ins Feld, um Menschen zu entdecken.
Mein Timon wird zum Diogen.

Er wandert nach dem Forst; hier irrt er hin und her,
Und mißt und sucht die Bahn auf unbekanntem Stege.
Zuletzt begegnet ihm, in einem hohlen Wege,
Ein andrer Eremit, der Bär.

Er stutzt. Was soll er thun? Zur Flucht ist keine Spur.
Er fasset sich; hält Stand: das wird gut aufgenommen.
Petz sieht ihn gnädig an, und spricht: Mein Freund, willkommen,
Besuche mich, und eile nur.

Der Greis versetzt gebückt: Die Gunst verpflichtet mich.
O würde mir erlaubt, in meinem nahen Garten
Mit einem schlechten Mahl gehorsamst aufzuwarten!
Der Vorzug wäre königlich.

Ich habe Milch und Obst; zwar weiß ich gar zu wohl,
Die Kost ist ziemlich schmal für euch, ihr Herren Bären;
Ihr Großen dieser Welt, ihr könnet besser zehren:
Doch auch mein Honigtopf ist voll.

Der Vorschlag wird beliebt; noch zeigt sich nicht das Haus,
Da die Bekanntschaft schon recht preislich angegangen.
Es will sogar der Bär den neuen Freund umfangen;
Doch der bedankt sich, und weicht aus.

Bald haben diese zween den schönsten Bund gemacht.
Sie bleiben ungetrennt, und werden Hausgenossen.
Der eine pflanzet, impft, und wartet seiner Sprossen;
Der andre legt sich auf die Jagd.

Unwissenheit und Ernst schließt öfters beider Mund;
Ihr Umgang nähret sich durch beider stumme Blicke.
Man machet sich die Lust aus diesem Eintrachtsglücke
Einsilbigt, auch nur selten, kund.

Petz kehret einmal heim; da schlummert sein Orest
Zur schwülen Mittagszeit. Er gehet bei ihm liegen,
Bewacht den Schlafenden, zerstreut den Schwarm der Fliegen,
Der seinen Wirth nicht ruhen läßt.

Er schnappt, fängt, scheuchet, lauscht, gafft nach dem Alten hin,
Und sieht auf dessen Stirn sich eine Raupe regen;
Ha! brummt er: dir will ich das Handwerk zeitig legen!
Geschmeiße, wißt ihr, wer ich bin?

Er holt den größten Stein; und, weil er’s treulich meint,
So muß durch einen Wurf so Raup’ als Greis erkalten.
Fürwahr, den klugen Feind muß man für schädlich halten;
Doch ja so sehr den dummen Freund.

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Lyrikmail #1315

Max Dauthendey

Ich küsse die Luft,
Ich umarme die Wärme der Nächte.
Mir ist, es müsse von meinem Harme, meinem Sehnen
Aus der Leere dein Auge aufsprießen,
Zu mir fließen dein blauender Blick.
Sonne brütet,
Sommergras glüht,
Vom roten Mohn sprüht brünstiger Schein.
Ich strecke die Arme,
Erbarme dich, Licht,
Mich küssen hungrige Nächte.

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Lyrikmail #1314 Rückert

Friedrich Rückert

Grammatische Deutschheit

Neulich deutschten auf Deutsch vier deutsche Deutschlinge deutschend,
Sich überdeutschend am Deutsch, welcher der Deutscheste sey.
Vier deutschnamig benannt: Deutsch, Deutscherig, Deutscherling, Deutschdich;
Selbst so hatten zu deutsch sie sich die Namen gedeutscht.
Jetzt wettdeuschten sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit,
Deutscheren Comparativ, deutschesten Superlativ.
“Ich bin deutscher als deutsch”.
“Ich deutscherer”.
“Deutschester bin ich.”
“Ich bin der Deutschereste, oder der Deutschestere.”
Drauf durch Comparativ und Superlativ fortdeutschend,
Deutschten sie auf bis zum – Deutschesteresteresten;
Bis sie vor comparativisch- und superlativischer Deutschung
Den Positiv von Deutsch hatten vergessen zuletzt.

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