Lyrikmail #1339
Martin Greif
Schlummerlose Nächte
Legt mir unters Haupt Melissen,
meine Träume sind so wild.
Ihrer Grabesnacht entrissen
schwebt vielleicht ihr süßes Bild
über mein verödet Kissen.
Lyrikmail #1338
Frank Wedekind
Politische Disticha
Viele verloren Gedächtnis und Sprache, so dringt es aus allen
Landen, in denen der Krieg schon seine Schauer entrollt.
Sind das nicht himmlische Zeichen? – Die Menschheit, die diesen Krieg führt,
Ist des Gedächtnisses nicht, ist auch der Sprache nicht wert.
Menschliche Schwächen, nicht himmlische Zeichen sind’s. Ihrem Gedächtnis
Hat noch die Menschheit nie so Gewaltiges erkämpft.
Und die Sprache der Feldpostbriefe, klingt sie nicht golden
Gegen das donnernde Blech, das aus den Zeitungen dröhnt?
Ein vollständiges Verzeichnis der Ortschaften, die in dem Kriege
Ganz oder teilweise zerstört, gibt es bis heute noch nicht.
Dringend herrscht ein Bedürfnis danach, denn viele schon zogen
In die Heimat zurück und sie gelangten ins Nichts.
Lyrikmail #1337
Friedrich Schiller
Vernünftige Betrachtung
Warum plagen wir einer den andern? Das Leben zerrinnet,
Und es versammelt uns nur einmal wie heute die Zeit.
Lyrikmail #1336
Max Dauthendey
Bleibt die Geliebteste zu lang aus
So viele Haare,
So viele Gedanken
Sich sonst um meinen Schädel ranken.
Doch heut nach meiner Gedankenzahl
Bin ich am Schädel ratzekahl.
Die Sehnsucht hat mir ohn’ Gewissen
Das letzte Härlein ausgerissen.
Und wie des Müllers Esel dumm
Trag ich als Sack mein Hirn herum.
Alles, was ich im Leben verstund,
Hält vor der Sehnsucht erschreckt den Mund.
Die Worte fallen wie Balken schwer,
Gedruckte Bücher sind plötzlich leer,
Und bleibt die Geliebteste zu lang aus,
Sitze ich ganz verblödet im Haus.
Alles werd’ ich wieder neu lernen müssen,
Vielleicht sogar lieben und küssen.
Lyrikmail #1335
Johann Wolfgang von Goethe
Gewohnt, getan
Ich habe geliebet, nun lieb ich erst recht!
Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht.
Erst war ich der Diener von allen;
Nun fesselt mich diese scharmante Person,
Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn,
Sie kann nur allein mir gefallen.
Ich habe geglaubet, nun glaub ich erst recht!
Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht,
Ich bleibe beim gläubigen Orden:
So düster es oft und so dunkel es war
In drängenden Nöten, in naher Gefahr,
Auf einmal ist’s lichter geworden.
Ich habe gespeiset, nun speis ich erst gut!
Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut
Ist alles an Tafel vergessen.
Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort;
Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort,
Ich kost und ich schmecke beim Essen.
Ich habe getrunken, nun trink ich erst gern!
Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn
Und löset die sklavischen Zungen.
Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß:
Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß,
So altern dagegen die jungen.
Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt,
Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt,
So drehn wir ein sittiges Tänzchen.
Und wer sich der Blumen recht viele verflicht
Und hält auch die ein und die andere nicht,
Ihm bleibet ein munteres Kränzchen.
Drum frisch nur aufs neue! Bedenke dich nicht:
Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht,
Den kitzeln fürwahr nur die Dornen.
So heute wie gestern, es flimmert der Stern;
Nur halte von hängenden Köpfen dich fern
Und lebe dir immer von vornen.
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