Lyrikmail #1383
Richard Dove
Giacomo L.
Gut, ich starb jung. Wie wär es gewesen,
ein ganzes Leben lang Gedichte, Gedünne zu schreiben?
Hätt ich überhaupt welche verbrochen,
ohne als Kind die Alten zu lesen?
Vielleicht hätt ich nur ab und zu mein Fleisch mit dem Dolch geritzt?
Besonders süß ist es nicht, im einzigen Lied zu ertrinken,
das die Nachwelt noch von mir kennt.
(c) beim Autor
Lyrikmail #1382
Olav H. Hauge
Ins Deutsche übersetzt von Klaus Anders
Grüne Äpfel
Der Sommer war kalt und verregnet.
Die Äpfel wurden grün und fleckig vom Schorf.
Aber ich pflücke und sortiere
und stapele die Hürden im Keller.
Grüne Äpfel sind besser als nichts.
Die Gegend liegt auf 61° Breite.
Lyrikmail #1381
Eugenio Montale
Aus dem Italienischen von Riccarda Novello
Welches Mastix hält
diese wenigen Gesteine zusammen
Ich denke an die Engel
verstreut hier und da
unbeobachtet
nicht gefiedert nicht geformt
nicht einmal vieläugig
im Gegenteil unwissend
ihrer Erscheinung
und unserer
auch wenn sie
ein stärkeres Gegengewicht sind
als der Stützpunkt des Archimedes
und wenn niemand sie sieht
dann weil man dazu andere Augen
braucht die ich nicht habe
und nicht begehre.
Die Wahrheit ist auf der Erde
und diese darf sie nicht wissen
sie darf sie nicht wollen
unter der Bedingung der Selbstzerstörung.
So muss man sich vorstellen
dass etwas da ist
zwischen den Füssen zwischen den Händen
nicht im Akt weder vergangen
noch künftig
um so weniger eine Mauer
zu überschreiten
man muss sich vorstellen
dass Bewegung und Stase
den Sinn haben
des Unsinns
um verstehen zu koennen
dass der Punkt ein Alles ist
zum Nichts verdinglicht.
Lyrikmail #1380
Jan Wagner
Aus dem Zyklus
‘achtzehn pasteten’
(shepherd’s pie)
schafe sind wolken, die den boden lieben.
der schäfer liebt marie. streut nüsse auf
den hang, souffliert die drei berühmten worte.
die herde blökt, frißt sie als weiße schrift
aufs tafelgrün. dahinter springt der punkt,
der hirtenhund. am grund des tales zieht
man abendschatten vor die fenster. sieht
den hang nicht und die hügel, nicht die wolken.
wolken, die schafe sind, vom wind getrieben.
(c) beim Autor
Lyrikmail #1379
Emma Lew
Schuhe des Morgensterns
Er bewegte Himmel und Meeresidentitaet,
und von den Waeldern kam Harschheit.
Er kannte das Muster aus verwehtem Laub,
die multiplen kleinen Schatten. Er benoetigte
Glanz und Groesse auf der langen Hinreise,
und seine Bestrebungen – ein Mondlapsus,
die kaputtesten Baeume. Der niedrige Horizont
verblueffte wie ein Kind. Hallen drang zu ihm
aus der gesperrten Stadt. Sie glich einem Regen,
die Welt, und seine Augen liebten alles Matte.
Aus dem australischen Englisch von Mirko Bonné
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