Lyrikmail #1404 Gleim

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Anlaß zum Schlafe

Von Zefirs sanftem Säuseln
Bin ich oft eingeschlafen;
Vom Saft gepreßter Trauben
Bin ich oft eingeschlafen;
Im Schatten iunger Bäume,
Vom Schwarm der muntern Bienen,
Beim Sprudeln kleiner Quellen
Bin ich oft eingeschlafen;
Doch, soll ich ietzo schlafen:
So müssen Küsse rauschen.

aus: Versuch in Scherzhaften Liedern, erster Teil

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Lyrikmail #1403

Hermann Löns

Küselwind

Im Schummern, im Schummern
Da kam ich einst zu dir;
Im Schummern, im Schummern
Da standst du an der Tür.

Drei Liljen, drei Liljen
Die blühten hell und klar;
Drei Liljen, drei Liljen,
Dreimal ich bei dir war.

Die Liebe, die Liebe
Die hat so hell geglüht;
Die Liebe, die Liebe
Die ist schon ausgeblüht.

Drei Rosen, drei Rosen
Die blühen heute mir;
Drei Rosen, drei Rosen,
Wer schläft wohl jetzt bei dir?

aus: Der kleine Rosengarten.

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Lyrikmail #1401 Flaischlen

Cäsar Flaischlen

Ich muß an das Meer denken …

Ich muß an das Meer denken, wenn ich deine Augen sehe … an das Meer … Sonntag morgens!

Durchsichtig bis zum Sandgrund wiegt es sich zum Strand, mit glasklarhellen Wellen, und wie leises Glockenklingen singt es über seine blaue sonnenfrohe Stille und weiße Schiffe ziehn am Horizont, gleich lichten Träumen in die Ferne suchend …
wunschloser Frieden überall …
und dennoch lauert was in seinen Wellen und auf dem Grund, in den es blicken läßt,
und in den blauen Tiefen seiner Ferne …
lockend und drängend …
etwas, das eine stumme Sehnsucht dir ins Herz wirft … du weißt nicht, wie … daß du aufjubeln möchtest und dich hineintrinken in seine kühle Frische und die Brust dir baden, stark und frei … und plötzlich dann aufweinen wieder in unbegreiflich unsagbarem Weh und niederknieen und den Strand küssen, den es umspielt … wie ein Kind …

Ich muß an das Meer denken, wenn ich deine Augen sehe … an das Meer … Sonntag morgens!

aus: Von Alltag und Sonne

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Lyrikmail #1400

Tom de Toys, 9.10.06, 41.E.S. für Ronja Rozenmondin

ÜBERWANDLER

kein liebesgedicht ersetzt das altern
unserer geschlechtsorgane während wir
die küsse immer weicher betten
schrumpft die angst hautnah zum miterleben
unser hirn als herzschrittmacher nimmt
die ungewöhnliche verlangsamung im spieltrieb
zwischen meinen lippen zwischen deinen lippen
wahr und wörtlich wie ein einziges gebet
der stille das die stille selber spricht
mit jedem sonnenstrahl in einem einzigen
sekundenbruchteil seit milliarden jahren
ewigkeit im ungeheuer riesigen planetenlauf-
lauffeuerwerk planetenlauflauffeuerwerk

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Lyrikmail #1399

Johann Wolfgang von Goethe

Herbst

38
Früchte bringet das Leben dem Mann; doch hangen sie selten
Rot und lustig am Zweig, wie uns ein Apfel begrüßt.

39
Richtet den herrschenden Stab auf Leben und Handeln, und lasset
Amorn, dem lieblichen Gott, doch mit der Muse das Spiel!

40
Lehret! Es ziemet euch wohl; auch wir verehren die Sitte;
Aber die Muse läßt nicht sich gebieten von euch.

41
Nimm dem Prometheus die Fackel, beleb, o Muse, die Menschen!
Nimm sie dem Amor, und rasch quäl und beglücke wie er!

42
Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiters Throne
Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert die Welt.

43
Freunde, treibet nur alles mit Ernst und Liebe; die beiden
Stehen dem Deutschen so schön, den ach! so vieles entstellt.

44
Kinder werfen den Ball an die Wand und fangen ihn wieder;
Aber ich lobe das Spiel, wirft mir der Freund ihn zurück.

45
Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes
Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.

46
Wärt ihr, Schwärmer, imstande, die Ideale zu fassen
O so verehrtet ihr auch, wie sich’s gebührt, die Natur.

47
Wem zu glauben ist, redlicher Freund, das kann ich dir sagen:
Glaube dem Leben; es lehrt besser als Redner und Buch.

48
Alle Blüten müssen vergehn, daß Früchte beglücken;
Blüten und Frucht zugleich gebet ihr, Musen, allein.

49
Schädliche Wahrheit, ich ziehe sie vor dem nützlichen Irrtum.
Wahrheit heilet den Schmerz, den sie vielleicht uns erregt.

50
Schadet ein Irrtum wohl? Nicht immer! aber das Irren,
Immer schadet’s. Wie sehr, sieht man am Ende des Wegs.

51
Fremde Kinder, wir lieben sie nie so sehr als die eignen;
Irrtum, das eigene Kind, ist uns dem Herzen so nah.

52
Irrtum verläßt uns nie; doch ziehet ein höher Bedürfnis
Immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.

53
Gleich sei keiner dem andern; doch gleich sei jeder dem Höchsten,
Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich.

54
Warum will sich Geschmack und Genie so selten vereinen?
Jener fürchtet die Kraft; dieses verachtet den Zaum.

55
Fortzupflanzen die Welt, sind alle vernünft’gen Diskurse
Unvermögend; durch sie kommt auch kein Kunstwerk hervor.

56
Welchen Leser ich wünsche? Den unbefangensten, der mich,
Sich und die Welt vergißt und in dem Buche nur lebt.

57
Dieser ist mir der Freund, der mit mir Strebendem wandelt;
Lädt er zum Sitzen mich ein, stehl ich für heute mich weg.

58
Wie beklag ich es tief, daß diese herrliche Seele,
Wert, mit zum Zwecke zu gehn, mich nur als Mittel begreift!

59
Preise dem Kinde die Puppen, wofür es begierig die Groschen
Hinwirft; wahrlich, du wirst Krämern und Kindern ein Gott.

60
Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im Menschen
Zu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischen hinein.

61
Auf das empfindsame Volk hab ich nie was gehalten; es werden,
Kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen daraus.

62
Franztum drängt in diesen verworrenen Tagen, wie ehmals
Luthertum es getan, ruhige Bildung zurück.

63
Wo Parteien entstehn, hält jeder sich hüben und drüben;
Viele Jahre vergehn, eh sie die Mitte vereint.

64
»Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen!
Aber unsre Partei, freilich, versteht sich von selbst.«

65
Willst du, mein Sohn, frei bleiben, so lerne was Rechtes, und halte
Dich genügsam, und nie blicke nach oben hinauf!

66
Wer ist der edlere Mann in jedem Stande? Der stets sich
Neiget zum Gleichgewicht, was er auch habe voraus.

67
Wißt ihr, wie auch der Kleine was ist? Er mache das Kleine
Recht; der Große begehrt just so das Große zu tun.

68
Was ist heilig? Das ist’s, was viele Seelen zusammen
Bindet; bänd es auch nur leicht, wie die Binse den Kranz.

69
Was ist das Heiligste? Das, was heut und ewig die Geister,
Tiefer und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht.

70
Wer ist das würdigste Glied des Staats? Ein wackerer Bürger;
Unter jeglicher Form bleibt er der edelste Stoff.

71
Wer ist denn wirklich ein Fürst? Ich hab es immer gesehen,
Der nur ist wirklich Fürst, der es vermochte zu sein.

72
Fehlet die Einsicht oben, der gute Wille von unten,
Führt sogleich die Gewalt, oder sie endet den Streit.

73
Republiken hab ich gesehen, und das ist die beste,
Die dem regierenden Teil Lasten, nicht Vorteil gewährt.

74
Bald, es kenne nur jeder den eigenen, gönne dem andern
Seinen Vorteil, so ist ewiger Friede gemacht.

75
Keiner bescheidet sich gern mit dem Teile, der ihm gebühret,
Und so habt ihr den Stoff immer und ewig zum Krieg.

76
Zweierlei Arten gibt es, die treffende Wahrheit zu sagen:
Öffentlich immer dem Volk, immer dem Fürsten

aus: Vier Jahreszeiten. Auswahl Goethes aus den gemeinsam mit Schiller
verfaßten “Xenien und Votivtafeln” für die Ausgabe: Neueste Gedichte,
Berlin (Unger) 1800.

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