Lyrikmail #1445

Joachim Ringelnatz

Neujahrsnachtfahrt

Wenn du nachts in ein Auto steigst
Und dir ist bang und winterlich zu Mut,
Und du dem Chauffeur die Richtung zeigst,
Und sagst: “Sie fahren gut.”

Wenn du so den Kopf des Wagenlenkers lenkst,
Daß er’s gar nicht gewahrt,
Wie du traurig bist und an Sterben denkst, -
Das ist nächtliche Fahrt.

Draußen leuchtet Volk und lacht und schießt.
Mitlächelnd denkst du fremdwärts still
An etwas, was du vom Flugzeug aus siehst,
An ein Flüßchen, das unter dir weit fließt
Sohin, dorthin, wo es muß; nicht will.


Aus: Gedichte dreier Jahre

Buchempfehlungen

Geheimes Kinder-Spiel-Buch von Joachim Ringelnatz
Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam 1924
neu aufgelegt im Aufbau Verlag, Berlin 2005Sämtliche Gedichte von Joachim Ringelnatz
Diogenes Verlag Zürich, 856 Seiten, 17,90 EUR
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Lyrikmail #1444

Johann Wolfgang von Goethe

Harzreise im Winter

Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.

Denn ein Gott hat
Jedem seine Bahn
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche
Rasch zum freudigen
Ziele rennt:
Wem aber Unglück
Das Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebens
Sich gegen die Schranken
Des ehernen Fadens,
Den die doch bittre Schere
Nur Einmal lös’t.

In Dickichts-Schauer
Drängt sich das rauhe Wild,
Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt.

Leicht ist’s folgen dem Wagen,
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Troß
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.

Aber abseits wer ist’s?
In’s Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Ach wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank!
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ung’nügender Selbstsucht.

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.

Der du der Freuden viel schaffst,
Jedem ein überfließend Maß,
Segne die Brüder der Jagd
Auf der Fährte des Wilds,
Mit jugendlichem Übermut
Fröhlicher Mordsucht,
Späte Rächer des Unbilds,
Dem schon Jahre vergeblich
Wehrt mit Knütteln der Bauer.

Aber den Einsamen hüll’
In deine Goldwolken,
Umgib mit Wintergrün,
Bis die Rose wieder heranreift,
Die feuchten Haare,
O Liebe, deines Dichters!

Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest du ihm
Durch die Furten bei Nacht,
Über grundlose Wege
Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du in’s Herz ihm;
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangner Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahndende Völker.

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt,
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.

Buchempfehlungen
Gedichte. Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge.
Insel Verlag, 1249 Seiten, 16,00 EUR
Textinfo:

Im Winter 1777 bestieg Goethe den Brocken – die erste bezeugte Winterbesteigung
des höchsten Berges im Harz. Goethe lebt um diese Zeit schon in Weimar. “Das Gedicht,
zwei Jahre nach der Wanderung geschrieben, ist keine Naturlyrik, sondern schildert
das aufgewühlte Seelenleben des Wanderers, eines Außenseiters, in damals avantgardistischen
freien Versen.” (Quelle: wdr.de)

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Lyrikmail #1443 Heine

Heinrich Heine

Die Jahre kommen und gehen,
Geschlechter steigen ins Grab,
Doch nimmer vergeht die Liebe,
Die ich im Herzen hab.

Nur einmal noch möcht ich dich sehen,
Und sinken vor dir aufs Knie,
Und sterbend zu dir sprechen:
“Madame, ich liebe Sie!”

aus: Buch der Lieder.

Weiterlesen

- Lebet wohl, wir kehren nie, nie zurück von Bimini!
Heine für Kinder, ausgewählt von Peter Härtling

-
Heine – Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge
917 Seiten, Insel Verlag, 10 Euro

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Kein Erich Fried bei Lyrikmail

Immer mal wieder kommen E-Mails von Lyrikmail-Abonnenten, mit der Bitte um Veröffentlichung von Erich-Fried-Texten. Dem Wunsch wäre ich schon längst nachgekommen, doch leider gibt der Wagenbach Verlag (“Der unabhängige Verlag für wilde Leser” Wagenbach über Wagenbach) keine Genehmigung zur Veröffentlichung, womit sich das Thema dann auch erledigt hat, da Lyrikmail das Urheberrecht sehr hoch schätzt und daher nichts ohne Einverständnis der Rechteinhaber veröffentlicht.

Hier die Erklärung von Wagenbach im Wortlaut:

Sent: Friday, November 25, 2005 2:25 PM

To: Gregor Koall Lyrikmail.de Subject:

AW: Erich Fried bei Lyrikmail.de

Sehr geehrter Herr Koall, ihr Projekt ist schön, aber leider erteilen wir generell keine Genehmigungen für die Nutzung von Texten unserer Autoren im Netz, es sei denn sie stehen in Zusammenhang zu einem Buchprojekt( z.b. Schul-Uni Lektüre). Ich bedauere es gerade in Ihrem Fall , aber haben bisher in dieser Hinsicht schlechte Erfahrungen gemacht und zuviel Mißbrauch erlebt. Ich hoffe auf Ihr Verständnis. Mit besten Grüßen Verlag Klaus Wagenbach GmbH

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Lyrikmail #1442

Annette von Droste-Hülshoff

Am vierten Sonntage im Advent

Ev.: Vom Zeugnisse Johannes.

Sie fragten: »Wer bist du?« – und er bekannte und leugnete nicht: “Ich bin eine Stimme des Rufenden in der Wüste. – Ich taufe euch mit Wasser, aber er steht mitten unter euch, den ihr nicht kennt.”

Fragst du mich, wer ich bin? Ich berg’ es nicht:
Ein Wesen bin ich sonder Farb’ und Licht,
Schau mich nicht an; dann wendet sich dein Sinn;
Doch höre! höre! höre! denn ich bin
Des Rufers in der Wüste Stimme.

In Nächten voller Pein kam mir das Wort
Von ihm, der Balsam sät an Sumpfes Bord,
Im Skorpion der Heilung Öl gelegt,
Dem auch der wilde Dorn die Rose trägt,
Das faule Holz entzündet sein Geglimme.

So senke deine Augen und vernimm
Von seinem Herold deines Herren Grimm,
Und seine Gnade sei dir auch bekannt,
Der Wunde Heil, so wie der schwarze Brand,
Wenn seiner Adern Bluten hemmt der Schlimme.

Merk auf! ich weiß es, daß in härtster Brust
Doch schlummert das Gewissen unbewußt;
Merk auf, wenn es erwacht, und seinen Schrei
Ersticke nicht, wie Mütter sonder Treu’
Des Bastards Wimmern und sein matt Gekrümme!

Ich weiß es auch, daß in der ganzen Welt
Dem Teufel die Altäre sind gestellt,
Daß mancher kniet, demütig nicht gebeugt,
Und überm Sumpfe, engelgleich und leicht
Der weiße Lotos wie ein Kindlein schwimme.

Es tobt des tollen Strudels Ungestüm
Und zitternd fliehen wir das Ungetüm,
Still liegt der Sumpf und lauert wie ein Dieb,
Wir pflücken Blumen und es ist uns lieb
Zu schaun des Irrlichts tanzendes Geflimme.

Drum nicht vor dem Verruchten sei gewarnt;
Doch wenn dich süßer Unschuld Schein umgarnt,
Dann lächelt der Vampyr, dann fahr zurück
Und senke tief, o tief in dich den Blick,
Ob leise quellend die Verwesung klimme!

Ja, wo dein Aug’ sich schaudernd wenden mag,
Da bist du sicher mindstens diesen Tag,
Doch gift’ger öfters ist ein Druck der Hand,
Die weiche Träne und der stille Brand,
Den Lorbeer treibend aus Vulkanes Grimme.

Ich bin ein Hauch nur, achtet nicht wie Tand
Mein schwaches Wehn, um des der mich gesandt.
Erwacht! erwacht! ihr steht in seinem Reich;
Denn sehet, er ist mitten unter euch,
Den ihr verkennt, und ich bin seine Stimme!

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Blamieren mag ich mich nicht. Das Leben der Annette von Droste-Hülshoff von Barbara Beuys. Piper, 2002

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