Lyrikmail #1466 Boldt

Paul Boldt

Nächte über Finnland

Die Nadelwälder dunkeln fort im Osten,

Und aus den Seen taucht das Nachtgespenst

Den gelben Kopf, von Feuerrauch gekränzt,

Den Sterngeruch der neuen Nacht zu kosten.

Zu weißen Pilzen filzen Fichtenpfosten,

Und Ast an Ast in zartem Lichte glänzt,

- befrorne Linien – Filigran umgrenzt,

Zieht die Kontur aus reinen, reifen Frosten.

Bis auf das alte, runde, schwarze Eis

Des Grundes sind die Flüsse zugefroren.

In Schuttmoränen glänzt der glatte Gneis

Und in den leuchtenden, polierten Mooren.

Die Krähen schreien ewig: Tag – und Tat -

Nebel und Kälte fällt wie Sack und Saat.

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1465 Müller

Wilhelm Müller

Erstarrung

Ich such im Schnee vergebens
Nach ihrer Tritte Spur,
Hier, wo wir oft gewandelt
Selbander durch die Flur.

Ich will den Boden küssen,
durchdringen Eis und Schnee
Mit meinen heißen Thränen,
Bis ich die Erde seh.

Wo find ich eine Blüthe
Wo find ich grünes Gras?
Die Blumen sind erstorben,
Der Rasen sieht so blaß.

Soll denn kein Angedenken
Ich nehmen mit von hier?
Wenn meine Schmerzen schweigen,
Wer sagt mir dann von ihr?

Mein Herz ist wie erstorben,
Kalt starrt ihr Bild darin:
Schmilzt je das Herz mir wieder,
Fließt auch das Bild dahin


Buchempfehlungen
Die Winterreise von Martina Bick, Franz Schubert, Wilhelm Müller
Ein Liederbuch, ein Gedichtband, ein Kurzgeschichtenbuch und ein Bilderbuch.
367 Seiten – Gerstenberg Verlag

Und wenn ich sonst nichts von Belang mehr täte
Gedichte aus Lyrikmail 01-100, Koall Verlag
[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1464

Johann Wolfgang von Goethe
Begünstigte Tiere

Vier Tieren auch verheißen war,
Ins Paradies zu kommen;
Dort leben sie das ew’ge Jahr
Mit Heiligen und Frommen.

Den Vortritt hier ein Esel hat,
Er kommt mit muntern Schritten;
Denn Jesus zur Prophetenstadt
Auf ihm ist eingeritten.

Halb schüchtern kommt ein Wolf sodann,
Dem Mahomet befohlen:
“Laß dieses Schaf dem armen Mann!
Dem Reichen magst du’s holen.”

Nun, immer wedelnd, munter, brav,
Mit seinem Herrn, dem braven,
Das Hündlein, das den Siebenschlaf
So treulich mitgeschlafen.

Abuherriras Katze hier
Knurrt um den Herrn und schmeichelt;
Denn immer ist’s ein heilig Tier,
Das der Prophet gestreichelt.


Buchempehlungen
Gedichte. Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge.
Insel Verlag, 1249 Seiten, 16,00 EUR

Und wenn ich sonst nichts von Belang mehr täte
Gedichte aus Lyrikmail 01-100, Koall Verlag

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Stan Lafleur gewinnt DEW21/dO!PEN-Award 2007

Andreas Dalberg, Johannis R. Jappen und Stan Lafleur sind die Preisträger des ersten mit 950 Euro dotierten DEW21/dO!PEN-Awards 2007.

“Stan Lafleur aus Köln wird ausgezeichnet für sein Fuszballgedicht »ballade von der kreisliga b«, das weitaus mehr als ein Fuszballgedicht ist.”

Die “ballade von der kreisliga b”, erstmals veröffentlicht in der Lyrikmail #798 wurde bereits 2006 mit dem vo:pa-Literaturpreis der Volksbank Siegerland geehrt.

Die “ballade von der kreisliga b” und 89 weitere Fußballgedichte von Stan Lafleur lesen Sie in: die welt auf dem fusz. Fußballgedichte mit Halbzeitpause Koall Verlag, Berlin 2006

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1463

Stan Lafleur

ernst willimowski

gegensprechanlage: wer ist dort? das
kann nicht sein. seit jahren intressiert
sich fuer mich kein schwein. kommen
sie doch hoch, ich lasz sie rein. stand

dann in unterwaesche, feinripp, lang
zur begrueszung zwischen den pfosten
der wohnungstuer. zdf-hafenkonzert
lief. seine frau: wolln sie meinen kaffee

kosten? er zog dieweil die alten alben
vor: vier tore hab ich noch fuer polen
geschossen gegen brasilien. trotzdem
war nichts zu holen. leonidas, schonmal

gehoert, den namen? seine frau: ernst
zieh dir was an. der schenkte ebenfalls
allein unserm torwart, wer war das noch
vier ein. da machste das spiel deines

lebens & einer ist nochn tick besser. &
spaeter kennt dich keiner mehr. ja,
natuerlich, ist lang her, aber nicht mal
gerd mueller hat meine quote. heute

haett ich die auch nicht mehr. im krieg
hat sich vieles verboten & vieles von
selbst ergeben. wir koennen, glauben
sie mir, froh sein, dasz wir noch leben


Willimowski, Ernst (1916-1997) – 25 Länderspiele (gut 20 Tore)
für Polen, danach 8 Länderspiele (exakt 13 Tore) für Deutschland.
Bei der WM 1938 gelangen ihm, wie auch kurz zuvor im selben Spiel
dem Brasilianer Leonidas, vier Tore in einem Match: Polen verlor mit
5:6 nach Verlängerung.

(c) beim Autor
aus: stan lafleur – die welt auf dem fusz
Fußballgedichte mit Halbzeitpause
Koall Verlag, Berlin 2006 http://www.koall-verlag.de

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Nächste Seite →