Lyrikmail #1527 Müller
Wilhelm Müller (1794-1827)
Mai
Ich möchte schweigend, Lieber, dich umfangen,
Gehüllt in süße, bange Dämmerungen.
Es wird so viel zu meinem Preis gesungen,
Daß mir die Lust am Liede fast vergangen.
Wärst du so heiß von seligem Verlangen,
Wie eine Lilie, deren weiße Zungen
Den langen Tag nach kühlem Trost gerungen,
Bis daß sie müd’ und matt zur Erde hangen:
Komm her zu mir, ich gebe dir zu trinken,
So viel du magst, mein treuer deutscher Zecher,
Aus meinem bodenlosen Liebesbecher!
Siehst du die hellen Thauestropfen blinken
Dort an den Lilien in der Morgensonne?
Wie mäßig schaltet ihr mit meiner Wonne!
Lyrikmail #1526
Georg Friedrich Daumer (1800-1875)
Esthnisch
Sommer ist es, sonnig ist es,
In der Welt wie wonnig ist es,
Trägt die Erd’ ihr Feierkleid!
Grün ist Alles weit und breit;
Mit Gezwitscher und Gejubel
Schwingt sich in die Luft die Lerche;
Fichte schwankt und Birke wiegt sich,
Auf der Wiese duften Kräuter,
Früchte prangen im Gezweige,
Kernige, gebräunte Nüsse,
Goldner Äpfel Lieblichkeit.
Und im Hause reifen Küsse,
In der Klause blüht die Maid.
Lyrikmail #1525
verdämmern Riesenstämme
Von greisen Ästen
hängt
in langen Bärten Moos.Irgendwo.. hämmernd.. ein Specht.Kommt der Wolf? Wächst das Wunschkraut hier?
Wird auf ihrem weissen Zelter,
lächelnd,
auf mein klopfendes Herz zu,
die Prinzessin reiten?
Nichts.
Wie schwarze Urweltkröten,
regungslos,
hockt am Weg der Wachholder.
Zwischendurch
giftrot
leuchten Fliegenpilze.
Lyrikmail #1524
Georg Rudolf Weckherlin (1584-1653)
Sie ist der gröseste Reichthumb
Das prächtigste Kriegs-schiff / dem je das Meer war kund /
Hat keinen Mast so hoch / als hoch ist mein begehren;
Kein Ancker halb so starck vnd beissend in den grund
Als meine Lieb und Trew / die vnauffhörlich wehren.
So knüpfet auch kein Sayl noch Leyn ein solchen bund /
Als die zart krause haar / die meinen gaist beschweren;
Kein Wind bließ jemahl auff die seegel stoltz vnd rund /
Als mich die süsse lüfft des rohten munds bethören.
Kein Schifman hat jemahls in einer schwartzen nacht
Ein halb so klares liecht oder gestirn erblicket
Als hell seind die augstern / mein trost und Amors pracht.
So hat auch noch kein Schiff / nach langer fahrt beglicket /
Ein Kleinoth so vil wehrt zu vns von Ost gebracht /
Als dises Kleinoth ist / das alle welt erquicket.
Lyrikmail #1523
Betty Paoli (1814-1894)
Rückblick
Nein! begreifen kann und fassen
Ich den eig’nen Wahnsinn nicht!
Warum hab’ ich dich verlassen,
Meiner Seele Luft und Licht?
Strahlten deine Augensterne
Mich nicht an, voll milder Pracht?
Warum zog ich in die Ferne,
In die kalte, finst’re Nacht?
Als das Schicksal uns’re beiden
Herzen sich begegnen ließ,
War’s, als ob mit ernsten Eiden
Es den Himmel uns verhieß.
Warum habe ich, verblendet
Wählend Schmerz und Finsterniß,
Frevelnd mich von dir gewendet
Dem ersehnten Paradies,
Um, wo gift’ge Pfeile schwirren,
Um auf wild empörtem Meer,
Qualvoll, ruhelos zu irren
Ein verfluchter Ahasver!
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