Lyrikmail #1547

SAID (*1947)

Für mich
riechen deine Hände nach Muskat
und Kindertagen.

Für mich
ist dein Mund ein sanftes Ufer,
nahgespült und unbewacht.

Für mich
hat sich das Blau deiner Augen
zurückgezogen zu meinen Schiffen.
Wir schlafen auf dem Flußbett.
Fische von damals kommen
und küssen uns die Zehen.


aus: SAID: Sei Nacht zu mir – Liebesgedichte

(c) Verlag C.H. Beck oHG, München 1998

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Lyrikmail #1546

Stefan George (1868-1933)

Der hügel wo wir wandeln liegt im schatten ·
Indes der drüben noch im lichte webt ·
Der mond auf seinen zarten grünen matten
Nur erst als kleine weisse wolke schwebt.

Die strassen weithin-deutend werden blasser
Den wandrern bietet ein gelispel halt ·
Ist es vom berg ein unsichtbares wasser
Ist es ein vogel der sein schlaflied lallt ?

Der dunkelfalter zwei die sich verfrühten
Verfolgen sich von halm zu halm im scherz . .
Der rain bereitet aus gesträuch und blüten
Den duft des abends für gedämpften schmerz.


aus dem Gedichtzyklus: Das Jahr der Seele (1897)

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Lyrikmail #1545

Heinrich Heine (1797-1856)

Himmel grau und wochentäglich!
Auch die Stadt ist noch dieselbe!
Und noch immer blöd und kläglich
Spiegelt sie sich in der Elbe.

Lange Nasen, noch langweilig
Werden sie wie sonst geschneuzet,
Und das duckt sich noch scheinheilig,
Oder bläht sich, stolz gespreizet.

Schöner Süden! wie verehr ich
Deinen Himmel, deine Götter,
Seit ich diesen Menschenkehricht
Wiederseh, und dieses Wetter!

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Lyrikmail #1544

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück…
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

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Lyrikmail #1543

Walther von der Vogelweide

Saget mir ieman, waz ist minne?

I
Saget mir ieman, waz ist minne?
weiz ich des ein teil, sô west ich es gerne mê.
der sich baz denne ich versinne,
der berihte mich, durch waz si tuot sô wê.
minne ist minne, tuot si wol;
tuot si wê, so enheizet si niht rehte minne.
sus enweiz ich, wie si denne heizen sol.

II
Ob ich rehte râten kunne
waz die minne sî, so sprechent denne jâ.
minne ist zweier herzen wunne:
teilent sie gelîche, so ist die minne dâ.
Sol sie aber ungeteilet sîn,
sônekan sie ein herze aleine niht enthalden.
owê, woltestû mir helfen, vrouwe mîn!

III
Frouwe, ich trage ein teil zuo swære,
wellest dû mir helfen, sô hilf an der zît.
sî aber ich dir gar unmære,
daz sprich endeclîche: so lâz ich den strît,
Und bin von dir ein ledic man.
dû solt aber einez rehte wizzen, vrouwe:
daz dich lützel ieman baz geloben kan.

IV
Ich wil alsô singen immer,
daz si danne sprechen: ,erne sanc nie baz‘.
desne gedanktestu mir nimmer!
daz verwîz ich dir alrêst, sô denne daz.
Weistû, wie sie wünschen dir?
,daz si sæelic sî, durch die man uns sus singet!‘
sich, vrouwe, den gemeinen wunsch hâstû ouch von mir!

V
Kan min vrouwe süeze siuren?
wænet sie, daz ich ir liep gebe umbe leit?
Solt ich sie dar umbe tiuren
daz si sich kêre an mîn unwerdekeit?
Sô kunde ich unrehte spehen.
wê, waz rede ich ôrlôser und ougen âne?
swen die minne blendet, wie mac der gesehen?

Walther von der Vogelweide

Sagt mir jemand, was die Liebe ist?

I
Sagt mir jemand, was die Liebe ist?
Auch wenn ich einiges darüber weiß, so wüsst’ ich gern noch mehr.
Wer klüger ist als ich,
der erkläre mir, warum sie so weh tut.
Liebe ist dann Liebe, wenn sie gut tut.
Tut sie weh, dann heißt sie zu Unrecht Liebe,
dann weiß ich nicht, wie man sie nennen soll.

II
Wenn ich richtig zu raten verstehe,
was die Liebe ist, so ruft sofort alle “Ja!”.
Liebe ist Glückseligkeit für zwei Herzen:
Teilen sie beide [die Liebe] gleich, dann ist die Liebe da.
Wenn es aber kein Teilen geben soll,
dann ist die Liebe für ein Herz allein zu viel.
Ach, wenn du mir nur beistehen wolltest, meine Dame!

III
Herrin, ich trage etwas, das zu schwer für mich ist.
Wenn du mir helfen willst, dann beeile dich.
Bin ich dir jedoch ganz egal,
dann sag es ein für alle Mal: Dann geb ich den Kampf auf
und bin wieder ein freier Mann von dir.
Über eines musst du dir aber ganz im Klaren sein:
Dass dich fast niemand besser loben kann [als ich].

IV
Ich werde jetzt immer so singen,
dass sie danach sagen: ‘Er sang nie besser‘.
Dafür wirst du mir auch nicht danken!
Das werde ich dir immer vorwerfen.
Weißt du, was sie dir wünschen?
‘Selig sei die, um derentwillen man uns so singt!‘
Sieh her, Dame, diesen allgemeinen Wunsch verdankst du mir auch!

V
Kann meine Dame süße Sachen sauer machen?
Denkt sie, dass ich ihr Freude gebe, um Leid zurückzubekommen?
Sollte ich sie darum preisen,
damit sie sich mit meiner Unwürdigkeit beschäftigt?
Dann könnte ich nicht richtig sehen!
Ach, was sag ich ohrenloser, augenloser Mann?
Der, den die Liebe blendet – wie kann der denn sehen?


Text des Originals: Walther von der Vogelweide. Leich – Lieder – Sangsprüche.
Berlin, 14. Auflage 1996.
Übersetzung: Martin Schuhmann
Kontakt: http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/inst_ii/ADL/mitglieder/schuhmann/

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