Lyrikmail #1568 Rückert
Friedrich Rückert (1788-1866)
Letzter Schmuck
Ich will, wann ich gestorben werde sein,
Als Blume blühn aus meines Grabes Staube:
Daß, die mich tötet jetzt, mich pflücke fein,
Und Liebe noch einmal mein Leben raube.
Ich will, wann ihre schöne Hand mich pflückt,
Daß sie nicht wisse, wen sie also pflücke;
Daß sie, mit der ich lebend mich geschmückt,
Im Tode doch mit mir einmal sich schmücke.
Lyrikmail #1567
Gottlieb Konrad Pfeffel (1736-1809)
Die Bill
Einst fiel dem Löwen ein, es wäre
Doch gegen eines Königs Ehre
Und gegen das Jus publicum,
Daß er sich selbst sein Futter schaffe.
Sein weises Ministerium,
Der Fuchs, der Büffel und der Affe,
Trat des Monarchen Meynung bey.
Sogleich gebot er allen Thieren,
Ihm einen Schoß von Korn und Heu
Und Wildpret jährlich abzuführen.
Der Esel mußte das Edict,
Als Wappenherold bunt geschmückt,
An allen Ecken ausposaunen.
Das Volk vernahm es mit Erstaunen:
Es drang sich in Proceßion,
Wie dort in Vater Noahs Kasten,
Vereint vor des Monarchen Thron
Und wollte von den neuen Lasten
Befreyet seyn. Der Elephant
Sprach männlich als Repräsentant:
Wie, Herr, was konnte dich bewegen,
Uns diese Steuer aufzulegen?
Schweig, fiel ihm der Despot hier ein,
Uns Könige darf Zevs allein
Zur Rechnung ziehen. Loser Spötter!
Versetzt der Bär, erst gestern noch
Sprachst du, es gäbe keine Götter.
Nun ward man laut. Der Menge kroch
Das Ding zu Kopfe. Schließlich machte
Das Volk mit reifem Vorbedachte
Die Bill: daß, weil ein Großsultan
Den höchsten Richter unsrer Thaten
Verachten oder läugnen kann,
Man vor der Hand den Autokraten
Verpflichten soll, der Nation
Von seiner Wirtschaft auf dem Thron,
Mit unter auch von seinem Leben
Genaue Rechenschaft zu geben.
Lyrikmail #1566
(Unbekannt)
Die unendliche Woge
Wie des Meeres Wellen
Auf und nieder wellen:
Also wogt unendlich mein Verlangen,
Dich zu fangen, zu umfangen.
Wie entflieh ich meinem Wahne?
Neige ich mich aus dem Kahne:
Immer seh den einzigen Gedanken
Ich im Meere auf und nieder schwanken.
—
aus: Chinesische Nachdichtungen von Klabund
Lyrikmail #1565 Kruse
Max Kruse (*1921)
Sommertag
Nun wird es warm. Die Rasenmäher dröhnen.
Sehnsüchte ziehen wolkig durch die Luft,
Die Menschen, immer unzufrieden, stöhnen,
Aus Blumenkelchen steigt verwelkter Duft.
Der greise Dichter denkt an Jugendträume,
Die abgelebten streut er in den Wind.
Vor seinem Fenster winken sich die Bäume
mit Blättern zu, die voll Erwartung sind.
(c) beim Autor
Lyrikmail #1564
Hermann Löns (1866-1914)
Das Wichtigste
(5. Januar 1908)
Ein Mordshallo hat’s einst gegeben,
Als Cäsar nahm den Rubikon,
Bei uns gibt’s andre Überschritte,
Jedoch wir sagen keinen Ton.
Ob Rathaus oder etwas andres,
Nie kommt man aus mit dem Etat,
Zuweilen scheint’s, als würd’ es langen,
Doch hinterher ist alles da.
Die neue Rennbahn hat’s bewiesen;
Kein Nachtrag? Kinder, welch Malheur!
Doch nein, es stimmt, denn als man nachsah,
Da waren’s hunderttausend mehr.
Dem Stadthall’nbau sehn drum entgegen
Wir mit Vertrauensvölligkeit;
Ist erst der Bauetat bewilligt,
Der Nachtrag find’t sich mit der Zeit.
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