Lyrikmail #1557

Anonym

Merseburger Zaubersprüche

I
Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuoniowidi:
insprinc haptbandun, invar vigandun.

II
Phol ende Wuodan vuorun zi holza.
du wart demo Balderes volon sin vuoz birenkit.
thu biguol en Sin

gunt, Sunna era swister;
thu biguol en Friia, Volla era swister;
thu biguol en Wuodan, so he wola conda:
sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin.I
Einmal setzten sich Frauen, saßen hier, saßen dort.
Einige hefteten Fesseln fest, einige hielten das Heer auf,
einige griffen an die starken Stricke:
“Entspring den Fesseln, entkomm den Feinden!”

II
Vol und Wodan ritten in den Wald.
Da wurde dem Fohlen von Balder der Lauf verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, [und] Sonne, ihre Schwester;
da besprach ihn Freia, [und] Volla, ihre Schwester;
da besprach ihn Wodan, wie er es vollendet konnte:
“Wie die Knochenheilung, so die Blutheilung, so die Gliederheilung:
Knochen zu Knochen, Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, als ob sie aneinander geleimt seien!”


Anmerkungen

Rätselhaft sind die althochdeutschen Merseburger Zaubersprüche. Überliefert sind die heidnisch-germanisch Sprüche in einer Handschrift aus dem 9. Jahrhundert, die wahrscheinlich in Fulda entstanden ist und heute in Merseburg liegt. Eingetragen wurden sie von unbekannter Hand auf das Vorsatzblatt der Handschrift, die sonst ein Sakramentar enthält, also einen christlich-liturgischen Text; und sie wurden niedergeschrieben wohl zwischen 900 und 960, hundert Jahre nach der Entstehung des Manuskripts.

Nach dem germanisch-heidnischen Inhalt könnte man vermuten, dass die Sprüche älter sind als ihre Niederschrift und vielleicht schon vor der Christianisierung der Franken im Ostreich durch Bonifatius (also vor 750) entstanden sind; vielleicht sind die Sprüche aber auch ein Beweis für das Nebeneinander von christlichen und heidnischen Vorstellungen im frühen Mittelalter. Beides ist umstritten und steht neben anderen Theorien, wie der Umdichtung eines ursprünglich christlichen Spruchs oder den Einfluss anderer Kulturen. Wie dem auch sei: Der zweite Merseburger Spruch ist eines von nur zwei deutschen Zeugnissen, das überhaupt germanische Götternamen in deutscher Sprache überliefert (und viele der erwähnten Götternamen lassen sich nicht recht befriedigend deuten).

Die beiden Sprüche zeigen den gleichen Aufbau. Zuerst die Erzählung der Situation, gegen die der Spruch wirken soll (Schlacht und Fesselung, das Verrenken des Pferdelaufs). Dann wird der Spruch in der Situation gesprochen. Dabei handeln im zweiten Spruch sicher Götter, während „idisen“ im zweiten Spruch erst einmal nur (adelige) Frauen bezeichnet, auch wenn vielleicht überirdische Wesen gemeint sind.

Sprachlich ist vor allem der erste Spruch schwierig. Viele der Wörter sind allein hier überhaupt belegt, so dass man ihre Bedeutung nur aus dem Spruch selbst ableiten kann: „Eiris“ („einst“) ist von der Form her seltsam, „einis“ wäre verständlicher; „duoder“ muss eigentlich ein Richtungsadverb sein, ist von der Form her aber sehr ungewöhnlich. Und „cuoniwidi“ (Fessel), wird in anderen Quellen „khunauuithi“ geschrieben. Vielleicht hat der Schreiber das Wort nicht mehr richtig einzuordnen gewusst und es als „cuoni widi“, als „kühne (= starke) Weide(fessel)“ gedeutet. Am Ende des ersten Spruchs steht in der Handschrift ein „.H.“ – sollte hier der Name des Gefangenen (althochdeutsch „haft“) eingesetzt werden, der befreit werden sollte?

Martin Schuhmann

Text des Originals: Frühe deutsche Literatur und lateinische Literatur
in Deutschland 800-1150. Herausgegeben von Walter Haug und Benedikt Konrad Vollmann.
Frankfurt am Main 1991. Übersetzung: Martin Schuhmann
Kontakt: http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/inst_ii/ADL/mitglieder/schuhmann/

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