Lyrikmail #1610 Lenau
Nikolaus Lenau (1802-1850)
Herbstgefühl
Mürrisch braust der Eichenwald,
Aller Himmel ist umzogen.
Und dem Wandrer, rau und kalt,
Kommt der Herbstwind nachgeflogen.
Wie der Wind zu Herbsteszeit
Mordend hinsaust in den Wäldern,
Weht mir die Vergangenheit
Von des Glückes Stoppelfeldern.
An den Bäumen, welk und matt,
Schwebt des Laubes letzte Neige,
Nieder taumelt Blatt auf Blatt
Und verhüllt die Waldessteige;
Immer dichter fällt es, will
Mir den Reisepfad verderben,
Dass ich lieber halte still,
Gleich am Orte hier zu sterben.
Lyrikmail #1609
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Hatem
Nicht Gelegenheit macht Diebe,
Sie ist selbst der größte Dieb;
Denn sie stahl den Rest der Liebe,
Die mir noch im Herzen blieb.
Dir hat sie ihn übergeben,
Meines Lebens Vollgewinn,
Daß ich nun, verarmt, mein Leben
Nur von dir gewärtig bin.
Doch ich fühle schon Erbarmen
Im Karfunkel deines Blicks
Und erfreu in deinen Armen
Mich erneuerten Geschicks.
Lyrikmail #1605
Gerrit Engelke (1890-1918)
Ich bin nur ein Tropfen
Ich kam aus den Meeren, ich kam aus der Sonne, ich kam aus dem Wind,
Die alle mir Urväter und Mütter sind;
Aus fallenden Zeiten, aus ewiger Nacht ein lallendes Werde,
Ein schillernder Tropfen, ein hilfloses Kind,
Geworfen auf winzigen Fleck der Erde.
Ein Häuflein Jahre des Lebens,
Gefäß des Kummers und freudig flutenden Bebens,
Ein kreisendes Stündlein vor ewiger Zeit.
O halte, Weltanfang und -Ende mich immer in Demut bereit,
Ich kam aus den Meeren, aus Sonne und Wind,
Und bin nur ein Kind.
Ist es nicht immer genug:
Daß dich ein herbstlich verblutender Baum,
Hintaumelnder Vogelflug,
Entzündeter Abendwolken Schaum,
Ein schluchzend einfältiglich Lied,
Das über engende Höfe flieht,
In gottvolle Armut und Nacktheit entrückt,
Unendlich beglückt!
Lyrikmail #1604 Fontane
Theodor Fontane (1819-1898)
Die Frage bleibt
Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht forschen, warum, warum ?
Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.
Wie’s dich auch aufzuhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.
Lyrikmail #1603
Max Kruse (*1921)
Helle Sommernacht
Die Sterne tragen alle goldne Mützen,
Der Mond prahlt schamlos mit geborgtem Licht,
Die angeknackste Seele schlurft durch Pfützen
Und tritt sich ins gespiegelte Gesicht.
Im Zimmer knüllt ein Einsamer die Kissen,
Pantoffeln muffeln leer vor seinem Bett,
Ein Atheist wägt Glaubenswahn und Wissen,
Und müde Rosen dämmern violett.
Ich selber habe alles schon vergessen,
Die Städte, Häuser, drinnen ich gewohnt,
Ich habe aufgehört, mein Jetzt zu messen,
Und bin mir fast noch ferner als der Mond.
(c) beim Autor
Der Autor im Netz: www.max-kruse-lesen.de
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