Lyrikmail #1632
Johann Gottfried von Herder (1744-1803)
Auf Luther’s Bild
Guter schwarzer Mönch, mit starkem Arme begannst Du
Auszufegen den Staub, der die Altäre verbarg;
Aber schnell entrissen Dir Andre das säubernde Werkzeug,
Lasen vom Staube das Gold, hingen den Besen sich auf.
Und nun steht der entgüldete Altar in ärgerem Staube
Ohne Säuberung; Gold können sie fegen nicht mehr.
Lyrikmail #1631
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Strophe
GEWISS, ich wäre schon so ferne, ferne,
So weit die Welt nur offen liegt, gegangen,
Bezwängen mich nicht übermächtige Sterne,
Die mein Geschick an deines angehangen, -
Dass ich in dir nun erst mich kennen lerne:
Mein Dichten, Trachten, Hoffen und Verlangen
Allein nach dir und deinem Wesen drängt,
Mein Leben nur an deinem Leben hängt.
Lyrikmail #1630
Paul Scheerbart (1863-1915)
Ruhmeslied
Meine Welt ist nicht von Pappe!
Dieses sag ich dir im Traum!
Trägst du eine Narrenkappe,
Trag sie unterm Lorbeerbaum!
aus: Katerpoesie
Lyrikmail #1629 Löns
Flugsand
Du lange, gelblichgraue Düne,
Du weites, graulichblaues Meer,
Es zuckt um meine ernste Miene
Der Dünenhafer hin und her;
Stilleinsamkeit, du spendest süße
Gefühle, lang nicht mehr gekannt,
Ich recke mich, auf meine Füße
Rinnt leis herab der gelbe Sand.
Du gelber Sand, woher getrieben
Hat dich des Windes Leidenschaft?
Wohin du fällst, da muß zerstieben,
Verwelken, dörren Saft und Kraft;
Wo sind die Städte, handelsprächtig,
Gelegen an der Ostsee Strand,
Es schrie der Nordwind, todesmächtig,
Und drüber fiel der gelbe Sand.
Es stand noch gestern, wo ich liege,
Der Möwe Nest, ein kleines Glück,
Es sucht die heuumkränzte Wiege
Vergebens heut’ mein scharfer Blick;
Nach ihrem Neste schreit die Möwe
Von Strand zu Land, von Land zu Strand,
Es reckte sich der gelbe Löwe
Und drüber fiel der gelbe Sand.
Altpreußens Helden, die vor Tagen
Einst friedlich dieses Land bebaut,
Die Ordensritter, die erschlagen
Das Friedvolk unter Psalmenlaut,
|Die Pommern, Polen und nach Jahren
Napoleon, als sein Grab er fand,
Wohin sind alle sie gefahren?
Stillschweigen. Darüber liegt der Sand.
Auch ich, noch jetzt so lebensmunter,
Kein Plan zu kühn, kein Wunsch zu schwer,
Von Westen steigt der Tod herunter,
Ein Ruck, ein Stoß, ich bin nicht mehr;
Und all’ mein Jauchzen, all’ mein Klagen,
Ein Traum, schon morgen unbekannt,
Mein Schaffen, Dichten, Tun und Sagen,
Es rollt darüber gelber Sand.
Münster, 2. Mai 1890
Hermann Löns (1866-1914)
Lyrikmail #1629
Hermann Löns (1866-1914)
Flugsand
Du lange, gelblichgraue Düne,
Du weites, graulichblaues Meer,
Es zuckt um meine ernste Miene
Der Dünenhafer hin und her;
Stilleinsamkeit, du spendest süße
Gefühle, lang nicht mehr gekannt,
Ich recke mich, auf meine Füße
Rinnt leis herab der gelbe Sand.
Du gelber Sand, woher getrieben
Hat dich des Windes Leidenschaft?
Wohin du fällst, da muß zerstieben,
Verwelken, dörren Saft und Kraft;
Wo sind die Städte, handelsprächtig,
Gelegen an der Ostsee Strand,
Es schrie der Nordwind, todesmächtig,
Und drüber fiel der gelbe Sand.
Es stand noch gestern, wo ich liege,
Der Möwe Nest, ein kleines Glück,
Es sucht die heuumkränzte Wiege
Vergebens heut’ mein scharfer Blick;
Nach ihrem Neste schreit die Möwe
Von Strand zu Land, von Land zu Strand,
Es reckte sich der gelbe Löwe
Und drüber fiel der gelbe Sand.
Altpreußens Helden, die vor Tagen
Einst friedlich dieses Land bebaut,
Die Ordensritter, die erschlagen
Das Friedvolk unter Psalmenlaut,
Die Pommern, Polen und nach Jahren
Napoleon, als sein Grab er fand,
Wohin sind alle sie gefahren?
Stillschweigen. Darüber liegt der Sand.
Auch ich, noch jetzt so lebensmunter,
Kein Plan zu kühn, kein Wunsch zu schwer,
Von Westen steigt der Tod herunter,
Ein Ruck, ein Stoß, ich bin nicht mehr;
Und all’ mein Jauchzen, all’ mein Klagen,
Ein Traum, schon morgen unbekannt,
Mein Schaffen, Dichten, Tun und Sagen,
Es rollt darüber gelber Sand.
Münster, 2. Mai 1890
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