Lyrikmail #1688

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Im Walde

Es zog eine Hochzeit den Berg entlang,
Ich hörte die Vögel schlagen,
Da blitzten viel Reiter, das Waldhorn klang,
Das war ein lustiges Jagen!

Und eh ich’s gedacht, war alles verhallt,
Die Nacht bedecket die Runde,
Nur von den Bergen noch rauschet der Wald
Und mich schauert im Herzensgrunde.


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Lyrikmail #1687

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

Wetterregeln des Bunten Vogels

(Meinem Vater und meiner Mutter.)

Januar

An Fabian und Sebastian
Geh in den Keller, dreh auf den Hahn.

Februar

Wenn es um Lichtmeß stürmt und tobt,
Sei Grogk und Punsch gleich hochgelobt.

März

Gute Dinge sind Märzen-Ferkel und Märzen-Fohlen,
Aber die meisten Märzlieder soll der Kuckuck holen.

April

So lange die Dichter schweigen vor Georgi und Markustag
So lange dichten sie hernach.

Mai

Warmer Mai:
Viel Stroh und Heu;
Ein paar Gedichte sind auch dabei.

Juni

Das erste Wetter brüllt,
Die erste Rose lacht,
Nun, bitt ich, Menschenkind,
Ein klar Gesicht gemacht!

Juli

Magdalene, Margarethe
Weinen gern allebeede.
Brauchst dir nichts daraus zu machen;
Andre Mädel giebts, die lachen.

August

Kräht der Dichter auf dem Mist,
Nennt er sich feierlich Naturalist,
Aber das Wetter bleibt doch, wies ist.

September

An Mariä Geburt
Fliegen die ersten Schwalben furt,
Aber am Geburtstag der lieben Frau
Werden auch die ersten Trauben blau.

Oktober

Nach dem Tag Sankt Gall
Bleib die Kuh im Stall,
Nach dem Tag Lukas
Bleib der Mann am Faß.

November

Sankt Martin:
Feuer im Kamin;
Nun singe mit Luthern:
Laß fahren dahin!

Dezember

Eis hängt an den Weiden,
So ists an der Zeit.
Hat sichs ausgeschneit,
Wirst du Palmen schneiden.

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Lyrikmail #1686

Max Dauthendey (1867-1918)

Immer neue Küsse gib

Küß mich auf den Mund, mein Lieb,
Immer neue Küsse gib.
Welkt am Weinstock Blatt um Blatt,
Man den Most im Keller hat.

Ach, das Leben ist versüßt
Dem, der sich durchs Leben küßt.
Wer verkennt des Jahres Zweck,
Dem nur schenkt der Herbst den Dreck.

Liebste, drück mir auf den Mund
Küsse wie die Blätter bunt,
Küsse wie der junge Most,
Und berauscht leb’ ich getrost.

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Lyrikmail #1685

Ludwig Thoma (1867-1921)

Resignation

Es gibt noch Leute, die sich quälen,
Aus denen sich die Frage ringt:
Wie wird der Deutsche nächstens wählen?
Wie wird das, was die Urne bringt?

Die Guten! Wie sie immer hoffen!
Wie macht sie doch ein jedesmal
Der Ausfall neuerdings betroffen!
Als wär’ er anders, wie normal!

Wir wissen doch von Adam Riese,
Daß zwei mal zwei gleich vieren zählt.
Und eine Wahrheit fest wie diese
Ist, daß man immer Schwarze wählt.

Das Faktum läßt sich nicht bestreiten,
Auch wenn es noch so bitter schmeckt.
Doch hat das Übel gute Seiten:
Es ruhet nicht auf Intellekt.

Man muß die Sache recht verstehen;
Sie ist nicht böse, ist nicht gut.
Der Deutsche will zur Urne gehen,
So wie man das Gewohnte tut.

Wer hofft, daß es noch anders würde,
Der täuscht sich hier, wie überall.
Die Schafe suchen ihre Hürde,
Das Rindvieh suchet seinen Stall.

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Lyrikmail #1684

Christian Morgenstern (1871-1914)

Das Perlhuhn

Das Perlhuhn zählt: eins, zwei, drei, vier …
Was zählt es wohl, das gute Tier,
dort unter den dunklen Erlen?

Es zählt, von Wissensdrang gejückt,
(die es sowohl wie uns entzückt):
die Anzahl seiner Perlen.

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