Lyrikmail #1709

Georg Heym (1887-1912)

Wär ich berühmt, der Liebe würd ich rüsten
Ein Meer der Feste, mich den Gluten betten,
Wie Möwen ruhen mit den weißen Brüsten,
Wenn sich der Brandung hohe Wogen glätten.

Wie Götter von dem Weihrauch trunken sind,
Und roter Wein von ihrem Kranze taut,
Aus meinem Atem strömte heiß der Wind
Wie Flammen tönend, Liebe jeder Laut.

Die Himmel wohnten in der Liebe Schweigen,
Wenn ihre Fackeln von dem Harze rauschen.
Und wir zum zarten Tone ferner Geigen
Das starke Gift der stolzen Küsse tauschen.

Dem Ozean der Träume hingegeben,
Den sonngen Inseln der Zwei-Einsamkeit,
Wo große Schwäne uns zu Häupten schweben,
Sirenen, singend alter Liebe Leid.

- Wär ich berühmt – Nun hocke ich beim Licht
Der trüben Lampe. Und des Morgens Schein
Zeigt mir der Krankenschwester grau Gesicht,
Die hinschlürft über feuchten Pflasters Stein.

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Lyrikmail #1708

Dietmar von Aist

Ez stuont ein frouwe alleine

I

Ez stuont ein frouwe alleine
und warte über heide
und warte ire liebe,
so gesach si valken fliegen.
“sô wol dir, valke, daz du bist!
du fliugest swar dir liep ist:
du erkiusest dir in dem walde
einen boum, der dir gevalle.
alsô hân ouch ich getân:
ich erkôs mir selbe einen man,
den erwelten mîniu ougen.
daz nîdent schoene frouwen.
owê, wan lânt si mir mîn liep?
jo ‘ngerte ich ir dekeiner trûtes niet!”

Es stand eine Dame allein
und schaute über die Heide
und schaute aus nach ihrem Liebsten.
Da sah sie einen Falken fliegen.
“Wie gut, Falke, dass du ein Falke bist!
Du fliegst, wohin auch immer du willst,
du suchst dir im Wald
einen Baum aus, der dir gefällt.
So habe auch ich gehandelt:
Ich habe mir selbst einen Mann ausgesucht,
den erwählten meine Augen.
Das neiden mir schöne Damen.
Ach, warum lassen Sie mir meine Liebe nicht?
Wirklich, ich habe doch nie einen ihrer Geliebten gewollt!”

Der Text folgt der Ausgabe von Max Wehrli: Deutsche Lyrik des Mittelalters.
Zürich 1955 u.ö.; Übersetzung: Martin Schuhmann.

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Lyrikmail #1707

Lutz Steinbrück (*1972)

Unterwegs:

Profil erschlichen im
gläsernen Karton: verblichene
Papier-Umrundungen, ein Auftreten so sicher
wie eine mögliche Umarmung

aus der Flüstertüte: ein allwissendes Amen

& daraufhin
den Reißwolf verschluckt in einer Low-Budget-
Produktion, das war früher, weit
vor dem Hundeglühen, vor den Handygüssen
und voreiligen Beschreibungen im Sekunden-
takt, vor dem Fenster, dort

tanzt die Sonne die Äste aus
dem Weg & der Regen fällt tief in ihre
Schatten, du atmest ein in diesem Karton
durch Luftlöcher, wenigstens das

& ein Rest von Gewerkschaft
schaut ab und zu vorbei

Gedichte junger Autoren in Zusammenarbeit mit den S³ LiteraturWerken (www.s3-berlin.de)

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Lyrikmail #1706

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Telefonischer Ferngruß

Ich grüße dich durchs Telefon,
Guten Morgen, du Gutes!
Ich sauge deiner Stimme Ton
In die Wurzeln meines Mutes.

Ich küsse dich durch den langen Draht.
Du Meinziges, du Liebes!
Was ich dir – nahe – je Böses tat,
Aus der Ferne bitt ich: Vergib es!

Bist du gesund? – Gut? – Was? – Wieviel? -
Nimm’s leicht! – Vertraue! – Und bleibe
Mir mein. – - Wir müssen dies Wellenspiel
Abbrechen – - Nein dir Dank! – - Ich schreibe!

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Lyrikmail #1705

Heinrich Heine (1797-1856)

Die Wahlesel

Die Freiheit hat man satt am End’,
Und die Republik der Tiere
Begehrte, daß ein einz’ger Regent
Sie absolut regiere.

Jedwede Tiergattung versammelte sich,
Wahlzettel wurden geschrieben;
Parteisucht wütete fürchterlich,
Intrigen wurden getrieben.

Das Komitee der Esel ward
Von Alt-Langohren regieret;
Sie hatten die Köpfe mit einer Kokard’,
Die schwarz-rot-gold, verzieret.

Es gab eine kleine Pferdepartei,
Doch wagte sie nicht zu stimmen;
Sie hatte Angst vor dem Geschrei
Der Alt-Langohren, der grimmen.

Als einer jedoch die Kandidatur
Des Rosses empfahl, mit Zeter
Ein Alt-Langohr in die Rede ihm fuhr,
Und schrie: “Du bist ein Verräter!

Du bist ein Verräter, es fließt in dir
Kein Tropfen vom Eselsblute;
Du bist kein Esel, ich glaube schier,
Dich warf eine welsche Stute.

Du stammst vom Zebra vielleicht, die Haut,
Sie ist gestreift zebräisch;
Auch deiner Stimme näselnder Laut
Klingt ziemlich ägyptisch-hebräisch.

Und wärst du kein Fremdling, so bist du doch nur
Verstandesesel, ein kalter;
Du kennst nicht die Tiefen der Eselsnatur,
Dir klingt nicht ihr mystischer Psalter.

Ich aber versenkte die Seele ganz
In jenes süße Gedösel;
Ich bin ein Esel, in meinem Schwanz
Ist jedes Haar ein Esel.

Ich bin kein Römling, ich bin kein Slaw’;
Ein deutscher Esel bin ich,
Gleich meinen Vätern. Sie waren so brav,
So pflanzenwüchsig, so sinnig.

Sie spielten nicht mit Galanterei
Frivole Lasterspiele;
Sie trabten täglich, frisch-fromm-fröhlich-frei,
Mit ihren Säcken zur Mühle.

Die Väter sind nicht tot! Im Grab
Nur ihre Häute liegen,
Die sterblichen Hüllen. Vom Himmel herab
Schaun sie auf uns mit Vergnügen.

Verklärte Esel im Glorialicht!
Wir wollen euch immer gleichen
Und niemals von dem Pfad der Pflicht
Nur einen Fingerbreit weichen.

O welche Wonne, ein Esel zu sein!
Ein Enkel von solchen Langohren!
Ich möcht es von allen Dächern schrein:
Ich bin als ein Esel geboren.

Der große Esel, der mich erzeugt,
Er war von deutschem Stamme;
Mit deutscher Eselsmilch gesäugt
Hat mich die Mutter, die Mamme.

Ich bin ein Esel, und will getreu,
Wie meine Väter, die Alten,
An der alten, lieben Eselei,
Am Eseltume halten.

Und weil ich ein Esel, so rat ich euch,
Den Esel zum König zu wählen;
Wir stiften das große Eselreich,
Wo nur die Esel befehlen.

Wir alle sind Esel! I-A! I-A!
Wir sind keine Pferdeknechte.
Fort mit den Rossen! Es lebe, hurra!
Der König vom Eselsgeschlechte!”

So sprach der Patriot. Im Saal
Die Esel Beifall rufen.
Sie waren alle national,
Und stampften mit den Hufen.

Sie haben des Redners Haupt geschmückt
Mit einem Eichenkranze.
Er dankte stumm, und hochbeglückt
Wedelt’ er mit dem Schwanze.

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