Lyrikmail #1727

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Vergänglichkeit

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,
Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war
Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.


zu diesem Text: Deutschlandradio Lyrikkalender

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1726

Adolf Glaßbrenner (*1810)

Die Hand auf’s Herz!

Warum legt wohl in diesem Bilde
Der König auf das Herz die Hand?
Die Hand auf’s Herz! nie hat’s geschlagen
Für dieses arme Volk und Land.

Die Hand auf’s Herz! Er kennt die Wunde,
Die er dem guten Reiche schnitt;
Er sieht die traurigen Finanzen,
Und so deckt er das Defizit. -

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1725

Alessandro De Francesco (*1981)

cosí le cose della casa quando tutti sono usciti
permangono nella luce obliqua

e accade di avvistare un frigo o una poltrona
nella finestra del palazzo di fronte
di ricordare quel quadro
in un corridoio del pompidou
e pensarlo sussistente nella notte senza occhi

salendo le scale
una testa femminile verso la finestra sul pianerottolo deserto
si volta di scatto non può accettarne il volto
è costretto al risveglio esce a tiergarten

mentre cammina guarda i rami

ed è la solita vertigine quando si mostra negli oggetti
ma subito ci appare inverosimile
restiamo senza dire niente
continua questa inspiegabile assenza di dati su tutto
le cose tacciono poco a poco

wie die dinge daheim im schrägen lichteinfall
sie bleiben unverändert wenn alle weg sind

und manchmal erahnt man die umrisse eines kühlschranks oder sessels
im fenster des hauses gegenüber
man erinnert sich an dieses bild
in einem flur des pompidou
und überlegt wie es fortbestehen kann in der nacht ohne augen

die treppe hinauf
ein frauenkopf zum fenster hin auf dem verlassenen treppenabsatz
sie wendet sich zu ihm er kann ihr gesicht nicht ertragen
er muss aufwachen steigt am tiergarten aus

im gehen betrachtet er die zweige

und es ist das übliche schwindelgefühl wenn es sich in den gegenständen zeigt
doch scheint es uns sofort unwahrscheinlich
wir sprechen nicht
dieses unerklärliche fehlen von daten
nach und nach verstummen die dinge

Veröffentlicht in:
lo spostamento degli oggetti. Cierre Grafica – Anterem, Verona 2008.

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1724

Minnie Maria Rembe (*1949)

AufErstehung

Auferstehen
aus der Starre

des Todes
lebendiger
Leib

Auferstehen
aus der Starre

des Lebens
unendliche Fülle

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1723 Hölderlin – Ihre Genesung

Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Ihre Genesung

Deine Freundin, Natur! leidet und schläft und du
Allbelebende, säumst? ach! und ihr heilt sie nicht,
Mächt’ge Lüfte des Aethers,
Nicht ihr Quellen des Sonnenlichts?

Alle Blumen der Erd’, alle die fröhlichen,
Schönen Früchte des Hains, heitern sie alle nicht
Dieses Leben, ihr Götter!
Das ihr selber in Lieb’ erzogt? -

Ach! schon athmet und tönt heilige Lebenslust
Ihr im reizenden Wort wieder wie sonst und schon
Glänzt das Auge des Lieblings
Freundlichoffen, Natur! dich an.

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Nächste Seite →