Lyrikmail #1750 Bossong – Leichtes Gefieder

Leichtes Gefieder

Vielleicht zu spät, als eine Krähe
unseren Morgen kappt. Ein Schlag.
Und ob sie fällt und ob sie weiterfliegt -
Ich frag zu laut, ob du noch Kaffee magst.
Dein Blick ist schroff, wie aus dem Tag gebrochen.
Es riecht nach Sand. Du fragst mich, ob ich wisse,
dass Krähen einmal weiß gefiedert waren.
Ich lösch die Zigarette aus, ich wünsch mich
weg von hier, ich möchte niemanden,
ich möchte höchstens einen andern sehen.
Du nennst mich: Koronis. Ich zeig zum Fenster:
Sieh doch, die Aussicht hat sich nicht verändert!
Was gehen dich die Stunden an, die du nicht kennst?
Ich will nur Mädchen sein, nicht in Arkadien leben.
Dein Nagel scharrt noch in der Asche,
doch du bist still, als wärst du fort.
Ich bin zu leicht für deine Mythen.

Nora Bossong (*1982)

 

Reglose Jagd: Gedichte

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Lyrikmail #1749 Platen

August von Platen (1796-1835)

Was will ich mehr, als flüchtig dich erblicken?
Was wär ich, trüg ich heißeres Verlangen?
In welche Netze würd ich, wenn ich hangen
An deinem Auge bliebe, mich verstricken!

Was will ich mehr noch, als ein eilig Nicken?
Es würden deine Worte mich befangen:
Vom Schützen wird ein Vogel rasch umgangen,
Wenn mehr er will, als an der Kirsche picken.

Wohl mögen Reize, die so ganz dein eigen,
Den Wunsch der Sehnsucht in den Andern wecken,
Sich dir zu nahn und dir ein Herz zu zeigen.

Ich werde nur, wenn Jene sich entdecken,
Vor deiner Schönheit huldigend mich neigen,
Nicht Eine Silbe soll dein Ohr erschrecken!


aus: Platen Gedichte (Ausgabe 1834).

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Lyrikmail #1748 Mühsam

Erich Mühsam (1878-1934)

Wie ich dich liebe!
Denn ich liebe alle dunkeln Fragen,
die die Wahrheit hinterm Auge tragen, -
und die Worte lieb ich, die verschwiegen
auf dem Grunde einer Lüge liegen. -
Sag’ mir nichts! – Ich will aus deinem Wesen
tief heraus mir jedes Goldkorn lesen; -
aus dem Schimmer der Verschwiegenheiten
will ich deiner Seele Bild bereiten;
und es soll in meinem Herzen stehn,
hauchlos rein – und nur für dich zu sehn.

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Lyrikmail #1747 Tieck – Mondbeglänzte Zaubernacht

Ludwig Tieck (1773-1853)

Mondbeglänzte Zaubernacht,
Die den Sinn gefangen hält,
Wundervolle Märchenwelt,
Steig’ auf in der alten Pracht!


zu diesem Text:
http://www.dradio.de

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Lyrikmail #1746 Veldeke

Heinrich von Veldeke (1170-1190)

Swer mir schade an mîner frouwen

I
Swer mir schade an mîner frouwen,
dem wünsche ich des rîses,
dar an die diebe nement ir ende.
swer mîn dar an schône mit trouwen,
dem wünsch ich des paradyses
unde valde im mîne hende.
vrâg ieman, wer si sî,
der bekenne si dâ bî:
ez ist diu wolgetâne.
genâde, frouwe, mir
der sunnen gan ich dir,
sô schîne mir der mâne.

II
Swie mîn nôt gefüeger waere,
sô gewünne ich liep nach leide
und fröide manichvalde,
wan ich weiz vil liebiu maere:
die bluomen entspringent an der heide,
die vogel singent in dem walde.
dâ wîlent lac der snê,
dâ stât nu grüener klê,
er touwet an dem morgen.
swer nu welle, der fröiwe sich,
nieman noet es mich:
ich bin unledic von sorgen.

Übersetzung:

I
Jedem, der mir bei meiner Dame schadet,
dem wünsche ich den Strick,
an dem die Diebe ihr Ende nehmen.
Jedem, der mich bei meiner Dame vor Schaden liebevoll bewahrt,
dem wünsche ich das Paradies
und falte meine Hände zum Gebet für ihn.
Wenn jemand fragt, wer meine Dame sei,
der möge sie daran erkennen:
Sie ist die Schönheit selbst.
Gnädig, Herrin, sollst du mir sein -
dir gönne ich den Sonnenschein;
für mich reicht der Mond.

II
Wenn meine Qualen nur ein bisschen kleiner wären,
dann würde ich nach dem Leid was Angenehmeres suchen
und allerhand Freuden,
denn ich weiß von sehr angenehmen Neuigkeiten:
Die Blumen sprießen auf der Wiese,
die Vögel singen im Wald.
Wo vor kurzem Schnee lag,
da steht nun grüner Klee im Rasen,
mit Tau bedeckt am Morgen.
Jeder, der will, der kann sich jetzt freuen,
mich möge niemand dazu nötigen:
Ich habe Sorgen.


Der Text folgt der Ausgabe Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters.
Frankfurt a.M. 1995; das Lied trägt in dieser Ausgabe die Nr. 34 (Minnesangs Frühling 58,11 und 58,23).
Übersetzung: Martin Schuhmann.

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