Lyrikmail #1769 Lowell
Crépuscule du matin
Die Nacht hindurch rang ich mit der Erinnerung
Die aufständisch am Tor des Denkens klopfte
Das knitterige Wrack vergangener Zeit entfaltete
Seine Ernüchterung; nun weine ich
Um Frieden, Kraft, die Lüge zu vergessen,
Die Hoffnung allzu lange wisperte. So suchte ich
Den Schlaf, der doch nicht kam. Die Nacht war
überladen
Mit alten Emotionen schweigend schluchtzend.
Ich hörte deine Stimme wieder, wusste das
was du versprachst, hat sich als bloße Prahlerei erwiesen.
Und Deine Hände eng an mir, die Nacht mit weitem Flügel
Schützt unsre Liebe in der Dunkelheit. Aus der Wiese
zittert ein plötzlich Vogelschrei gleich einem Stich.
In meinem Arm nichts als die Dämmerung.
Amy Lowell (1874-1925)
Aus dem Amerikanischen von Annette Kühn
Amy Lowell: Verwundertes Glimmen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen und mit
Illustrationen von Annette Kühn. 16,80 Euro, Paperback. 978-3-939557-23-4 in jeder
Buchhandlung erhältlich. Außerdem als Vorzugsausgabe Hardcover mit CD für
28,00 Euro nur über den Verlag: www.luxbooks.de
Lyrikmail #1768 Gaponenko
Wolken
Es bauschen sich die Wolken in den Kleidern.
Wer gehen wollte, fliegt zum Wald.
Dort altern Menschen in den Kronen großer Bäume.
Den Vater sah ich dort,
einen Stern im halb offenen Mund, grübelte er.
Ich aber trage Schuhe aus Stein,
umarme die Felsen,
vergrabe mich selber im Sand.
senke den Blick vor dem Himmel
beuge tiefer mein Haupt.
Hier ist mein Platz.
Abends fallen Äpfel ins Gras. Ich höre sie nicht.
Ich weiß nicht einmal ob sie gefallen
sind oder bloß rote Tropfen waren,
die langsam in der Erde verschwanden.
Ob ich träume, ob es wahr ist: die Arme der Wolken,
darin mein Gesicht – wie eine Kamee.
Marjana Gaponenko (*1981)
—
aus: Marjana Gaponenko:
Nachtflug Gedichte. Polonius Verlag, 80 S., Taschenbuch, 14, 90
ISBN 978-3-940336-00-2 Zu Bestellen beim Verlag www.polonius-verlag.de,
in der Buchhandlung oder bei amazon
Lyrikmail #1767 Karsch
Ueber die Begierde des Säuglings
Ob Weizen reift zu Semmel oder Kuchen,
Darüber sorgt der Säugling nicht,
Der einen Busen weiß zu suchen,
Und lallend mit der Amme spricht.
Er bittet nicht um Regen oder helle
Vom Lerchenchor durchsungne Luft,
Wenn selbst die halbversiegte Quelle
Zum Jupiter um Nässe ruft,
Er kennet keine Güter, des Bestrebens,
Des Wunsches seiner Seele werth,
Ihm ist das ganze Glück des Lebens
Die volle Brust, die ihn ernährt.
Nach ihr verlangt er heißer als die Schaaren
Der Römer bey dem Marc Anton
Nach Wasser, als sie schmachtend waren,
Und kämpfend vor den Parther flohn.
An diese Brust fällt er mit größerm Geize
Als ein verliebter Jünglingsmund
An Lippen, die durch ihre Reize
Sein junges Herze machten wund.
Und wenn er nun dies erste Glück verlieret
Und seinen ersten Kummer weint,
Wird seine Mutter tief gerühret,
Mit ihm zur Traurigkeit vereint.
Es dünkt ihr hart, den Säugling so zu quälen,
Und doch ists ein nothwendig Muß:
So weislich läßt der Himmel fehlen
Uns Größern oft den Ueberfluß.
Er thät es nie, wenn nicht Sein Auge wüßte,
Was jedem Menschen nützlich sey,
Er nimmt die Nahrung unsrer Lüste
Und legt uns etwas Beßres bey.
Anna Louisa Karsch (1722-1791)
Lyrikmail #1766 Lanfranconi
reise
tätest du
diese reise
du hieltest
steine in der hand
die wie nie berührte
körper sind
und wortlos
stündest du einsam
im gleichen
kargen feld
umhüpft von
schreienden raben
später stiessest du
an verrauchtem ort
auf jenen
gitarrespieler,
im arm sein
instrument,
dessen
gesprungene
saiten von ihm
wegstarren,
als läge er
im schilf
und schaute
in den himmel
allein mit
seiner musik
(juni 07 unveröffentlicht)
Katharina Lanfranconi (*1948)
Lyrikmail #1765 Schwarz
WIe kan der Liebe Joch doch süß und lieblich seyn /
weil manches Herze pflegt vohn ihren Schmertzen sagen /
und über ihre Last / und tieffe Wunden klagen?
wie ist dan süße das / das allen bringet Pein /
das wie ein starckes Gifft die Hertzen nimmet ein /
das manchen Helden würgt / ihr vihl auch heist verzagen?
wie kan uns das alsdan doch Frewd und Lust erjagen?
Nein / nein / der Liebe Tranck ist bitter Wermuhtwein.
Doch gleichwohl ist sie süß / weil vielen wird gegeben /
durch ihre Süßigkeit / ein angenehmes Leben.
Drüm / schließ ich / ist die Lieb ein angenehmes Leid;
(wiewohl eß selten kompt / daß wiedrig’ Eigenschafften
an einem Dinge nuhr zu gleiche können hafften)
die Liebe heisst und ist die süße Bitterkeit.
Sibylla Schwarz (1621-1638)
* die Autorin: geboren am 14. 2. 1621 in Greifswald/Pommern; gestorben am 31. 7. 1638 in Greifswald/Pommern.
Mehr erfahren Sie hier www.uni-greifswald.de
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