Lyrikmail #1790 Ringelnatz

Fußball

(nebst Abart und Ausartung)

Der Fußballwahn ist eine Krank-
Heit, aber selten, Gott sei Dank.
Ich kenne wen, der litt akut
An Fußballwahn und Fußballwut.
Sowie er einen Gegenstand
In Kugelform und ähnlich fand,
So trat er zu und stieß mit Kraft
Ihn in die bunte Nachbarschaft.
Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,
Ein Käse, Globus oder Igel,
Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,
Ein Kegelball, ein Kissen war,
Und wem der Gegenstand gehörte,
Das war etwas, was ihn nicht störte.
Bald trieb er eine Schweineblase,
Bald steife Hüte durch die Straße.
Dann wieder mit geübtem Schwung
Stieß er den Fuß in Pferdedung.
Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.
Die Lampenkuppel brach sofort.
Das Nachtgeschirr flog zielbewußt
Der Tante Berta an die Brust.
Kein Abwehrmittel wollte nützen,
Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,
Noch Puffer außen angebracht.
Er siegte immer, 0 zu 8.
Und übte weiter frisch, fromm, frei
Mit Totenkopf und Straußenei.
Erschreckt durch seine wilden Stöße,
Gab man ihm nie Kartoffelklöße.
Selbst vor dem Podex und den Brüsten
Der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,
Was er jedoch als Mann von Stand,
Aus Höflichkeit meist überwand.
Dagegen gab ein Schwartenmagen
Dem Fleischer Anlaß zum Verklagen.
Was beim Gemüsemarkt geschah,
Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.
Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen
Durch Publikum wie wilde Bienen.
Da sah man Blutorangen, Zwetschen
An blassen Wangen sich zerquetschen.
Das Eigelb überzog die Leiber,
Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.
Kartoffeln spritzten und Citronen.
Man duckte sich vor den Melonen.
Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.
Dann donnerten die Kokosnüsse.
Genug! Als alles dies getan,
Griff unser Held zum Größenwahn.
Schon schäkernd mit der U-Bootsmine
Besann er sich auf die Lawine.
Doch als pompöser Fußballstößer
Fand er die Erde noch viel größer.
Er rang mit mancherlei Problemen.
Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?
Dann schiffte er von dem Balkon
Sich ein in einem Luftballon.
Und blieb von da an in der Luft,
Verschollen. Hat sich selbst verpufft. -
Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,
Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

aus: Joachim Ringelnatzens Turngedichte (1920-1923)

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Lyrikmail #1789 Goethe

Ganymed

Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!
Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz drängt
Deiner ewigen Wärme Heilig Gefühl,
Unendliche Schöne!

Daß ich dich fassen möcht
In diesen Arm!

Ach, an deinem Busen
Lieg ich, schmachte,
Und deine Blumen, dein Gras
Drängen sich an mein Herz.
Du kühlst den brennenden
Durst meines Busens,
Lieblicher Morgenwind!
Ruft drein die Nachtigall
Liebend nach mir aus dem Nebeltal.

Ich komm, ich komme!
Wohin? Ach, wohin?

Hinauf! Hinauf strebt’s.
Es schweben die Wolken
Abwärts, die Wolken
Neigen sich der sehnenden Liebe.
Mir! Mir!
In euerm Schoße
Aufwärts!
Umfangend umfangen!
Aufwärts an deinen Busen,
Alliebender Vater!


Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)

aus: Goethe – Gedichte. (Ausgabe letzter Hand. 1827)
Ganymed enstand wohl 1774, Erstdruck 1789.

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Lyrikmail #1788 Holz

Russisch!

Sei doch kein Tropf, mein süsses Söhnchen!
Steck ein das lumpige Milliönchen!
Du kennst ja die Moral der Zeit:
Der Himmel ist hoch und der Czar ist weit!

Arno Holz (1863-1929)

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Lyrikmail #1787 Tersteegen

Heldenmäßig

Wenn dich dein Feind erzürnt, so bist du noch kein Mann;
Der ist ein Held, der auch die Feinde lieben kann.

Gerhard Tersteegen
(1697-1769)

aus: Tersteegen – Geistliches Blumengärtlein. (1729)

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Lyrikmail #1786 Geibel – Hoffnung

Ins Unendliche strebt sich die Bildung der Zeit zu erweitern,
Aber dem breiteren Strom droht die Verflachung bereits.

Fülle die Jugend mit würdigem Stoff und in froher Begeistrung
Lehre sie glühn! Die Kritik kommt mit den Jahren von selbst.

Immer behalte getreu vor Augen das Höchste, doch heute
Strebe nach dem, was heut du zu erreichen vermagst.

Nicht wer Staatstheorien doziert, ein Politiker ist nur,
Wer im gegebenen Fall richtig das Mögliche schafft.

Stets zu Schwärmen gesellt sich das Volk der geschwätzigen Stare,
Einsam sucht sich der Aar über den Wolken die Bahn.

Bester, du hast ein Gewissen für das, was sittlich und wahr ist,
Warum fehlt es dir, ach, nur für das Schöne so ganz?

Nicht bloß, wer im Gemüt abstreifte den Zügel der Sitte,
Wer sich des Häßlichen nicht schämt, er ist auch ein Barbar.

Eile mit Weile! Den Kahn erst lerne zu steuern im Hafen,
Eh’ zur Entdeckungsfahrt mächtige Segel du spannst.

Stolz und schweigend enthüllt sein Werk uns der Meister; im eitlen
Selbstlob birgt ein Gefühl heimlicher Schwäche sich nur.

Tiefer erscheint trübströmende Flut, durchsichtige flacher,
Aber das Senkblei lehrt oft, daß dich beides getäuscht.

Ist denn die Blume nur da zum Zergliedern? Weh dem Geschlechte,
Das, anstatt sich zu freun, jegliche Freude zerdenkt!

Torheit bleibt’s, im Gesang um den Preis der Geschichte zu ringen,
Doch der poetische Stoff kann ein historischer sein.

Freilich für ein Gedicht ist Schönheit immer das Höchste,
Nur nicht jeglicher Zeit Höchstes ein schönes Gedicht.

Ward dir Großes versagt, so übe die Kunst an bescheidnen
Stoffen und strebe mit Ernst, Meister im Kleinen zu sein.

In dem kastalischen Born, dem begeisternden, sprudelt ein Tropfen
Lethe; jeglichen Schmerz dämpft er, so lange du singst.

Emanuel Geibel (1815-1884)

aus: Geibel: Spätherbstblätter (1877)

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