Lyrikmail #1801
scherenschnittig
nachts in einem weißen kombi über die autobahnen
mitteleuropas brettern, das wäre wie eine eintragung
ins transitglücksbuch: einfach mal langweilige landesgrenzen
mit brennenden scheinwerfen überbrücken, das fenster
runter, diese plastikleinwand, und sich zurücklehnen.
das ausgewiesene und ausscherende wir passt
in ein einziges auto und alle können schlafen,
wenn ich die kilometer zähle, die wir schon
hinter uns haben, wenn ich das lenkrad fasse
wie eine handgetöpferte schale,
um etwas zu schöpfen.
Nikola Richter (*1976)
Die Reihe mit jungen Autoren bei Lyrikmail erscheint in Zusammenarbeit mit den S³
LiteraturWerken (www.s3-berlin.de).
Lyrikmail #1800
wasserglas /in Gedenken an Christine Lavant
in hellem tuch im flügelzimmer
schnarrt das herz die wiesenralle
getüncht bis an die decke
zwielicht · eines dunkel
weißen sommers
weit · draußen du
schlägst meinen blick ans kreuz
des schmalen fensters · archimedischer
punkt
daher der sturm in mir
daher der sturm
in mir archimedischer
punkt · ans kreuz des schmalen
fensters schlägst meinen blick weit draußen
du · weißen sommers eines dunkel
zwielicht getüncht
bis an die decke · schnarrt
das herz
die wiesenralle
in hellem tuch im flügelzimmer
Christian Schloyer (*1976)
Die Reihe mit jungen Autoren bei Lyrikmail erscheint in Zusammenarbeit mit den S³
LiteraturWerken (www.s3-berlin.de).
Lyrikmail #1799 Storm
Weiße Rosen
1
Du bissest die zarten Lippen wund,
Das Blut ist danach geflossen;
Du hast es gewollt, ich weiß es wohl,
Weil einst mein Mund sie verschlossen.
Entfärben ließt du dein blondes Haar
In Sonnenbrand und Regen;
Du hast es gewollt, weil meine Hand
Liebkosend darauf gelegen.
Du stehst am Herd in Flammen und Rauch,
Daß die feinen Hände dir sprangen;
Du hast es gewollt, ich weiß es wohl,
Weil mein Auge daran gehangen.
2
Du gehst an meiner Seite hin
Und achtest meiner nicht;
Nun schmerzt mich deine weiße Hand,
Dein süßes Angesicht.
O sprich wie sonst ein liebes Wort,
Ein einzig Wort mir zu!
Die Wunden bluten heimlich fort,
Auch du hast keine Ruh.
Der Mund, der jetzt zu meiner Qual
Sich stumm vor mir verschließt,
Ich hab ihn ja so tausendmal,
Vieltausendmal geküßt.
Was einst so überselig war,
Bricht nun das Herz entzwei;
Das Aug, das meine Seele trank,
Sicht fremd an mir vorbei.
3
So dunkel sind die Straßen,
So herbstlich geht der Wind;
Leb wohl, meine weiße Rose,
Mein Herz, mein Weib, mein Kind!
So schweigend steht der Garten,
Ich wandre weit hinaus;
Er wird dir nicht verraten,
Daß ich nimmer kehr nach Haus.
Der Weg ist gar so einsam,
Es reist ja niemand mit;
Die Wolken nur am Himmel
Halten gleichen Schritt.
Ich bin so müd zum Sterben;
Drum blieb’ ich gern zu Haus
Und schliefe gern das Leben
Und Lust und Leiden aus.
Theodor Storm (1817-1888)
Lyrikmail #1798 unbekannt
Aus dem Pariser Gesprächsbüchlein (datiert um den Beginn des 10. Jahrhunderts)
22. Guaez ge dar daden? quid fecisti ibi?
[Was habt ihr dort getan?]
23. Enbez mer dar. disnaui me ibi.
[Ich habe dort gegessen.]
[…]
30. Guaz guildo? quid uis tu?
[Was willst du?]
[…]
38. Sclah en sin als! da illi in collo!
[Schlag ihn an seinen Hals!]
39. habeo dinen! [kein ganzer lateinischer Ausdruck überliefert]
[Hab deinen in Acht!]
40. Ghanc hutz! i fors!
[Geh hinaus!]
41. sairu tost. [kein lateinischer Ausdruck überliefert]
[Sehr schnell.]
42. Undes ars in tine naso! canis culum in tuo naso!
[Der Arsch eines Hundes in deiner Nase!]
43. Min erro guillo tin esprachen. senior meus uult loqui tecum.
[Mein Herr will dich sprechen.]
—
Der Text (und weitgehend die Übersetzung) folgt der Anthologie von Horst Dieter Schlosser: Althochdeutsche Literatur. Eine Textauswahl mit Übertragungen. Berlin 1998 und spätere Auflagen.
Das Werk
Auf den Rändern einer Worterklärungs- und Sammelhandschrift aus dem südfranzösischen Raum, die auf das späte 9. oder frühe 10. Jahrhundert datiert wird, finden sich althochdeutsche Ausdrücke für Körperteile, Kleidung, Dienstleistungen und auch verschiedene Redewendungen. Offenbar hat sich ein Romane, der des Althochdeutschen nur mangelhaft mächtig war, für die Reise (oder auf der Reise?) Wichtiges notiert und versucht, es sich durch eine lateinische Übersetzung (kursiv gedruckt) verständlich zu machen. Einige Redewendungen finden Sie oben.
In unregelmäßigen Abständen präsentiert Lyrikmail in Zusammenarbeit
mit Dr. Martin Schuhmann (Universität Frankfurt/Main) Texte aus
mittelhochdeutscher und althochdeutscher Zeit in Original und Übersetzung.
Martin Schuhmann freut sich auf Ihr Feedback per Mail
Lyrikmail #1797 Falb
I dwell in Possibility…
Emily Dickinson
***
sieh diesen handlungsfamilien beim wohnen zu. heute ist der tag der sechs milliarden.
historische schlachten stellen uns nach und wir sie.
von histaminen überwältigt kommen somit viele natürlich zur welt.:….. ein über jahre
geprobter, über jahre nicht aufgeführter festumzug.
…….:……….überlegene formen des schämens, der sterilisation, wenn du ein kitten bist.
die hervorbringung des gesichtes als enthaarung und weltausstellung.
crystal palace zeigt das feuer selbst der nationen wie der gebürtlichkeit……:….. das ist
die adresse eines strauches, eines blättchens, eines zellhaufens.
ich betrat den länderpavillion und kam als großfamilie wieder heraus. ich verpflanzte
1967 das erste menschliche herz, in zwillinge.
bequeme laufwege verlinken die sande, bequeme laufzeiten erleuchten sie flammend,
die biennale. einfarbig ausgemalte makrophagen.
………..:…….welche werkphase ist das und was davon bleibt. die abstoßung der organe.
die abstoßung, der hand, der künstlerin.
Daniel Falb (*1977)
![[Ask]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/ask.png)
![[del.icio.us]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/delicious.png)
![[Digg]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/digg.png)
![[Facebook]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/facebook.png)
![[Google]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/google.png)
![[LinkedIn]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/linkedin.png)
![[Mister Wong]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/misterwong.png)
![[MySpace]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/myspace.png)
![[Technorati]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/technorati.png)
![[Windows Live]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/windowslive.png)
![[Yahoo!]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/yahoo.png)
![[Email]](http://gregor-koall.de/blog/wp-content/plugins/bookmarkify/email.png)
