Lyrikmail #1806 Brentano

Schwalbenwitz

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch,
Himmel und Erde sind sich gleich.
Spricht der Himmel: Werde!
Da grünt und blüht die Erde!
Spricht die Erde: Sterbe!
Da wird der Himmel ein lachender Erbe.
Sterne sah ich blinken und sinken,
Den Mond in der Sonne ertrinken,
Die Sonne stieg in die Meere,
Ohne dass sich ein Fünklein verlöre.
Feuer und Wasser hassen sich,
Erde und Wasser umfassen sich,
Luft und Feuer entzünden sich,
Erde und Feuer ersticken sich,
Erde und Luft umkühlen sich,
Luft und Wasser umspielen sich,
Aber alles ist Liebe, Liebe, Liebe
Und wenn sich alles empörte, verzehrte, verschlänge,
Dass gar nichts bliebe, bliebe doch Liebe
Die Hülle, die Fülle, die Menge.

Clemens Brentano (1778-1842)

aus Brentano: “Märchen vom Rhein und dem Müller Radlauf” (1811)

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Lyrikmail #1805 Li Tai-pe

Abschied

Das Gestern, das mich flieht, kann ich nicht halten,
Das Heute drückt mich wie ein Frauenschuh.
Die kleinen Wandervögel schon entfalten
Die Flügel herbstlich ihrer Heimat zu.
Ich steige auf den Turm, die Arme weit zu dehnen,
Und fülle meinen Becher nur mit Tränen.

Ob ich, ihr großen Dichter, euer werde?
Ich bin gekrönt, wenn mich ein Vers von euch umflicht.
Und meine Füße stampfen wohl die Erde,
Doch ach zum Himmel tragen sie mich nicht.

Wer kann den Springbrunn mit dem Degen spalten?
Wie Oel schwimmt oben auf dem Wein die Not.
Das Gestern, das mich flieht, kann ich nicht halten.
Ich werf mich in ein steuerloses Boot.
Das Haar dem Winde flatternd preisgegeben,
Wird mich die Woge auf und nieder heben.

Li Tai-pe (699-762)

Nachdichtung aus dem Chinesischen von Klabund.

* über Li Tai-pe:
Li Tai-pe lebte in China von 699 bis 762 nach Christi Geburt. Als ewig trunkener, ewig
heiliger Wanderer wandert er durch die chinesische Welt. Kunstsinnige Herrscher beriefen
den erlauchten Vagabunden an ihren Hof, und oft genug erniedrigte und erhöhte sich der Kaiser
zum Sekretär des Dichters: wenn Li Tai-pe nach einem Zechgelage ihm seine Verse im Morgengrauen
in den Pinsel diktierte. Der Kaiser, der den Dichter und Menschen brüderlich liebte, machte ihn
zum kaiserlichen Beamten, setzte ihm eine Rente aus und gab ihm als Zeichen seiner höchsten Gnade
ein kaiserliches Prunkgewand zum Geschenk – für einen Chinesen damaliger Zeit die höchste Ehrung.
Li Tai-pe schleifte das kaiserliche Gewand durch alle Gossen der Provinz und ließ sich an Abenden
voll Trunkenheit als Kaiser huldigen. Oder er hielt, in des Kaisers Kleidern, rebellische Ansprachen
an die Trinkkumpane und das herbeigelaufene Volk. Er starb im Rausch, indem er bei einer nächtlichen
Bootfahrt aus dem Kahne fiel. Die Legende läßt ihn von einem Delphin erretten, der ihn, während in
den Lüften engelhafte Geister ihn betreuen, aufs Meer hinaus und in die Weite der Unsterblichkeit
entführt.

Sein Volk vergötterte ihn und errichtete ihm einen Tempel; der kunstreichste der chinesischen Lyriker
wurde auch der volkstümlichste. Noch heute genießt er in China, dem klassischen Lande des Literatentums, ein Ansehen, wie es nicht einmal Goethe bei den Deutschen genießt. Während eifrige Kommentatoren fortgesetzt am Werke sind, seinen Versen spitzfindige, tiefsinnige und geistreiche Erklärungen unterzulegen, singen junge und alte Burschen seine unsterblichen Lieder auf den Straßen.

Klabund

aus dem Nachwort von: Li-Tai-Pe. Nachdichtungen von Klabund. 1923

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Lyrikmail #1804 Lingg

Nicht jenes Zaubernetz, gesponnen
Aus deinem schönen Lockenhaar,
Auch nicht dein leuchtend Augenpaar
Hat so mein Herz für dich gewonnen,
Nein, eine Schönheit höh’rer Art,
Die immer mehr sich offenbart.

Der reine Wert, dein innres Leben,
Der Seelenadel, der dich schmückt,
Das ist’s, was mich an dir entzückt;
Und beben muß ich, tief erbeben:
Es beugt mich der Gedanke fast,
Daß du mich lieb gewonnen hast.

Hermann von Lingg (1820-1905)

aus: Ausgewählte Gedichte (1853)

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Lyrikmail #1803 Voß

Vorweg gesagt
In über sieben Jahren Lyrikmail habe ich noch nie begründet, warum ein Text nicht veröffentlicht wurde aber auch nicht, warum ein Text veröffentlicht wurde. Der Text von Florian Voß löst Kontroversen aus. Dem Autor (und mir) wird vorgeworfen geschichtlich ahnungslos zu sein, er  missbrauche die Todesfuge als Folie für Eigenes usw. Vielleicht war es ein Fehler, diesen Text zu veröffentlichen, zumindest die heftigen Reaktionen, die in ihrem Ton oft sehr verletzend waren, lassen darauf schließen. Den Text hat Florian Voß verfasst, nicht der Herausgeber der Lyrikmail, der den Autor nicht einmal persönlich kennt. Die Tatsache, dass dieses Gedicht in der Lyrikmail veröffentlich wurde, lässt nicht automatisch den Schluss zu, dass es für „besonders gut“ empfunden wurde.

Theo Breuer hat mir geschrieben: „Die jüngere Generation heutiger Autoren hat wenig erlebt und kann sich offenbar nicht vorstellen, was es bedeutet, ein Gedicht wie “Todesfuge” zu schreiben. Die jüngere Generation ist geschwätzig wie die Generation der 70er Jahre. Sie ist zwar form- und traditionsbewußter, aber von der fehlenden Reife her immer wieder überfordert.“ Was zu beweisen wäre….

Verfugtes Meisterstück

Hellgraue Milch des verhangenen Nachmittags
wir trinken dich und fragen uns:
hat da jemand reingeascht – das schmeckt doch nicht
Die Balkonbrüstung bröckelt schon
wir blicken auf die neonblaue Spree
und fragen uns: liegen die Fische bequem
in ihrem Flußbett – ist ihr Bahnhof
im Westhafen gut ausgestattet mit
glänzenden Schienen Richtung Fischölfabrik
Das Brot das wir essen kommt meistens aus Deutschland
da sind doch bittere Körner drin – das schmeckt doch nicht
Mein lieber Herr Gesangsverein
mit so einem Laib im Leib trifft man doch
kaum einen Ton – trotzdem singen wir heut
Wir schlürfen die Töne – wir schlürfen die Milch
hellgrau sind unsere Zellen im Kopf
Wir liegen ganz gut hier im Bett
Unsere Hunde lieben das neueste
Futter von Pedigree Pal

Florian Voß (*1970)

Die Reihe mit jungen Autoren bei Lyrikmail erscheint in Zusammenarbeit mit den S³ LiteraturWerken (www.s3-berlin.de).

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Lyrikmail #1802 Rinck

damentotem

sie sei so zerstreut. sie habe etwas mit flecken,
etwas geschecktes gegessen. oder ein zebra.
den spinat mit glitschigen blättern, der ihre kraft,
von innen nach außen, weg in den kosmos lenke.
fische mit pfeilspitzen gräten, welche die leber
- organ ihres ahnungsvermögens – verletzten.
herrje, da kippen wir jetzt einen würzling drüber.
uns umflieht süßes vergessen. so senken
sich (im vorderkopf) die jalousien. in der hotelbar
beklagen die damen indes die dürre angebotslage,
was die anmietung sexueller akteure betrifft.
und kein unterschied soll sein zwischen totemtier,
träumen des geistersehers und der absoluten idee.
die damen am rande sagen: allmacht der natur,
und denken sich: verstümmelung. die welt des tieres
sei begriffslos. plauderei. noch das stärkste tier
sei unendlich debil. das totem. welches ist ihres?
das damentotem – ein betäubtes gestänge aus bambus,
blue curacao, grünem fleece. ein beinahe aufrechter gang.

Monika Rinck (*1969)

Die Reihe mit jungen Autoren bei Lyrikmail erscheint in Zusammenarbeit mit den S³
LiteraturWerken (www.s3-berlin.de).

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