Lyrikmail #1827 Bierbaum

Des Narren Regenlied

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.

Graugespinstig hält ein Nebel
Alles Sein in Haft,
Weher Mut weint in die Weiten,
Krank ist jede Kraft.

Die Prinzessin sitzt im Turme;
Ihre Harfe klingt,
Und ich hör, wie ihre Seele
Müde Sehnsucht singt.

Regenöde, regenöde
Himmel, Land und See;
Alle Lust ist Last geworden,
Und das Herz thut weh.


Otto Julius Bierbaum
(1865-1910)

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Lyrikmail #1826 Herder

Die Mechanik des Herzens

Ihr Weise, mit der Wissenschaft,
Die Welten zu bewegen,
Gebt einem matten Herzen Kraft,
Ein Fünkchen neu Vermögen,
Ach, einen Tropfen Lebenssaft,
sich jugendneu zu regen!
Ich lass’ Euch Eure Wissenschaft,
Die Welten zu bewegen.

Johann Gottfried von Herder (1744-1803)

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Lyrikmail #1825 Dehmel

Die Schaukel

Auf meinner Schaukel in die Höh,
was kann es Schöneres geben!
So hoch, so weit! Die ganze Chaussee
und alle Häuser schweben.

Weit über die Gärten hoch, juchhee,
ich lasse mich fliegen, fliegen;
und alles sieht man, Wald und See,
ganz anders stehn und liegen.

Hoch in die Höh! Wo ist mein Zeh?
Im Himmel! ich glaube, ich falle!
Das tut so tief, so süß dann weh,
und die Bäume verbeugen sich alle.

Und immer wieder in die Höh,
und der Himmel kommt immer näher;
und immer süßer tut es weh -
der Himmel wird immer höher.

Richard Dehmel (1863-1920)

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Lyrikmail #1824 Kruse

Schöner Herbst

Die Luft ist voller Zärtlichkeit.
Ich möcht’ mich an ihr reiben.
Die Nase schnuppert Heiterkeit
In Atemkuchenscheiben.

Die Luft ist voller Zuckerguss,
Ich schleck sie mit dem Schnabel.
Mein Plappern wird zum Zungenkuss
Mein Wort zur Glücksvokabel.

Die Luft ist voller Silberschnee,
Da krächzen ein paar Raben,
Sie treffen sich zur Soiree,
Bevor sie mich begraben.

Max Kruse (*1921)

www.max-kruse-lesen.de

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Lyrikmail #1823 Schäfer

Seetomaten

Ich wollte ein Gedicht schreiben
„Was isst Ingeborg Bachmann“
Seetomaten, Strandkürbisse oder Grottenpfirsiche
Aber eigentlich halte ich nicht viel
von dem metaphysischen Geplänkel

Ich bleibe bei Seetomaten
und kalten Nudeln in der Nacht

Björn Schäfer, 1981

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