Lyrikmail #1849 Rilke
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Lyrikmail #1848 Horheim
Bernger von Horheim – „mir ist alle zît, als…“ („Mir ist immer so, als ob…“)
(Übersetzung im Anschluss an das Original)
Mir ist alle zît, als ich vliegende var
ob al der welte und diu mîn alliu sî.
swar ich gedenke, vil wol sprunge ich dar.
swie verre ez ist, wil ich, sô ist ez mir nâhe bî.
Starke unde snel, beidiu rîch unde vrî
ist mir der muot: dur daz loufe ich sô balde;
mir enmac entrinnen dehein tier in dem walde-
daz ist gar gelogen: ich bin swaere als ein blî.
Ich mac von vröiden toben âne strît:
mir ist von minne sô liebe geschehen.
swâ waere ein walt beidiu lanc unde wît,
mit schoenen boumen, den wolte ich erspehen;
Dâ mohte man mich doch springende sehen.
mîn reht ist, daz ich mich an vröiden twinge.
wes liuge ich gouch? ich enweiz, waz ich singe.
mir wart nie wirs, wil ich der wârheit jehen.
Ich mache den merkaeren truoben den muot.
ich hân verdienet ir nît und ir haz,
sît daz mîn vrowe ist sô rîche unde guot.
was mir wê, nu ist mir sanft unde baz.
Ein herzeleit, des ich niene vergaz,
daz hân ich verlâzen und ist gar verwunden.
mîn vröide hât mich von sorgen enbunden:
mir wart nie baz – unde liuge ich iu daz.
Mir wil gelingen, dâ mir nie gelanc,
an minne der süezen, daz wil ich iu sagen.
die merkaere habent mengen gedanc,
swenne sî mich nu niht mêre hoerent klagen
Dehein herze sêr, daz tuot sî mir verjagen.
…
des lône ir got, daz mîn trûren hât ende-
daz ist gar gelogen, und ist dar doch niht lanc.
Übersetzung
Mir ist immer so, als ob ich fliegend
über die ganze Welt hinweg ziehen würde, und als ob sie ganz mein sei.
Wohin auch immer ich denke, dorthin springe ich sofort,
wie fern es auch ist; wenn ich nur will, so ist es ganz nah bei mir.
Stark und kräftig, beides, mächtig und frei
ist mir der Sinn: Deswegen laufe ich so schnell;
mir entrinnt kein Tier im Wald –
das ist ganz und gar erlogen: Ich bin so schwer wie ein Stück Blei.
Vor Glück könnte ich tanzen, daran ist nicht zu rütteln:
Durch die Liebe ist mir so viel Angenehmes widerfahren.
Wo auch immer es einen Wald gäbe – beides, lang und breit soll er sein,
und mit schönen Blumen – den wollte ich ausfindig machen:
Da kann man mich dann drin toben sehen.
Zurecht dränge ich mich nahe zur Freude.
Warum lüge ich Narr? Ich habe doch keine Ahnung von dem, was ich singe.
Mir ging es nie schlechter, um die Wahrheit zu sagen.
Die Tugendwächter bringe ich dazu, dass sich ihr Gemüt verfinstert,
ihren Hass und ihre Feindschaft hab ich mir verdient,
weil meine Dame so herrlich und edel ist.
Wenn es mir früher schlecht ging, jetzt geht es mir besser und besser.
Einen Herzenskummer, an den ich zuvor immer denken musste,
den habe ich zurückgelassen und ganz und gar verwunden.
Meine Freude hat mich von den Sorgen entbunden.
mir erging es nie besser – wenn ich euch das vorlüge.
Ich werde dort etwas erreichen, wo ich nie etwas erreichte,
bei der Liebe der Liebreizenden, das sage ich euch.
Die Tugendwächter machen sich viele Gedanken darüber,
warum sie mich nun gar nicht mehr klagen hören
über meinen Herzenskummer – das hat sie mir ausgetrieben.
…
Das möge ihr Gott lohnen, dass mein Trauern ein Ende hat –
das ist ganz und gar erlogen, und doch ist es dorthin nicht mehr weit.
—-
Der Text folgt der Ausgabe „Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters“ von Ingrid Kasten im Deutschen Klassiker Verlag, Frankfurt a.M.; das Lied wird dort Nr. 71 geführt. Übersetzung: Martin Schuhmann.
Lyrikmail #1847 Kasnitz
Schweizerkreuze
Stehst du auf der Eisbahn und schaust
Schweizerkreuze an den Giebeln, Punsch
Es klirrt im Innern und der Gedanke gefriert
Ein Samariter der helfen könnte und hilft
Passanten die sich abwenden könnten
Und eine schöne Ärztin ganz für dich.
Adrian Kasnitz (*1974)
Lyrikmail #1846 Rückert
Auf Erden gehest du
Auf Erden gehest du und bist der Erde Geist;
Die Erd erkennt dich nicht, die dich mit Blüten preist.
Auf Sonnen stehest du und bist der Sonne Geist;
Die Sonn erkennt dich nicht, die dich mit Strahlen preist.
Im Winde wehest du und bist der Lüfte Geist;
Die Luft erkennt dich nicht, die dich mit Atmen preist.
Auf Wassern gehest du und bist des Wassers Geist;
Das Wasser kennt dich nicht, das dich mit Rauschen preist.
Im Herzen stehest du und bist der Liebe Geist;
Und dich erkennt das Herz, das dich mit Liebe preist.
Friedrich Rückert (1788-1866)
Lyrikmail #1845 Luther
Liebes Kind, lernest du wohl,
so wirst du guter Hühner voll,
Lernest du aber übel,
So mußt du mit den Sauen essen aus dem Kübel.
Martin Luther (1483-1546)
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