Lyrikmail #1869 Stoecklin
Wenn der Mond groß ist
Wenn es Abend wird, fällt mir dein Lächeln ein,
Schwarzer Engel, der meine Träume umnachtet.
Im Herbst saßen wir oft auf den Bänken am Strom,
Stille Kinder, in der abendlichen Sonne.
Wenn dann deine Hand zärtlich über mein Haar strich,
O wie freute sich da die Seele.
Seitdem sind traurige Jahre vergangen,
Ängste und Wahnsinn, zerfallene Abende.
Wenn der Mond groß ist, betet mein bleicher Schatten
In deinem Zimmer verlorene Tänze.
Francisca Stoecklin (1894-1931)
Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute: Gedichte und Lebensläufe
Lyrikmail #1868 Silesius
Nichts ist ihm selber
Der Regen fällt nicht ihm, die Sonne scheint nicht ihr,
Du auch bist anderen geschaffen und nicht dir.
Angelus Silesius (1624-1677)
Lyrikmail #1867 Arnold
Why I skip my high school reunions
Because the geeks and jocks were set in stone,
I, ground between. Because the girls I ate
lunch with are married now, most out of spite
––because the ones I spurned are still alone.
Because I took up smoking at nineteen, late,
and just now quit––because, since then, I’ve grown
into and out of something they’ve never known.
Because at the play, backstage, on opening night
she conjured out of the vast yards of her dress
an avocado and a razorblade,
slit the one open with the other, flayed
the pebbled skin, and offered me a slice
––because I thought that one day I’d say yes,
and I was wrong, and I am still afraid.
Craig Arnold (*1969)
–
Warum ich meine Klassentreffen sausen lasse
Weil der Schlamassel und der Stunk waren in Stein gehaun
und ich am Boden mittendrin. Weil die Mädchen, mit denen ich
zu Mittag aß, jetzt weg vom Fenster sind, verheiratet aus Niedertracht
– weil die andren, die mir gestohlen blieben, schon alte Jungfern
sind. Weil ich mit neunzehn in die Kippen blies
und gerade wieder quitt – weil, seither, ich hinterm Zaun
mir eine Welt eroberte, auf die sie nie und nimmer schaun.
Weil bei der Aufführung, backstage, zur Eröffnungsnacht,
sie aus den weiten Gefilden ihres Dress’
Rasierklinge und Avocado zog und
mit jener diese aufschnitt, den Schalenkitt
geschält und davon mir unter die Nase hielt
– weil ich dachte, eines Tages sag ich yes,
und läg ich falsch, noch immer drunter litt.
Craig Arnold (*1969)
übersetzt von Jan Volker Röhnert (*1976)
Das Gedicht entstammt dem Band:
Craig Arnold: Fleisch geworden. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig.
Aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Jan Volker Röhnert.
Mit Illustrationen von Boyce Cummings. 120 S. luxbooks, Wiesbaden 2008.
ISBN 978-3-939557-34-0. 18,50 Euro www.luxbooks.de
Lyrikmail #1866 Gaponenko
Kismet
Dieses Zimmer betrete
nicht ich.
Ich sitze nicht da am Fenster,
raschele nicht mit der Zeitung.
Wie ein Staubkorn gerate ich
nicht in den Blick dir ins Auge,
Kind. Es ist etwas.
Es ist’s.
Aus dem Hut zaubert es nichts
als sich selbst, nichts als sich,
nichts.
Laß es, mein Bruder,
wozu dieser bittere Mund?
Niemand ist tot der noch lebt.
Wir können nicht sterben
auch wenn wir wollten.
Wir waren, wir sind -
jeder für sich
als Gott im eigenen Wort,
Saft im Baum des eigenen Lebens,
eilend, aufflammend darin.
Aber hier können wir wenig,
vermögen nicht einmal
die Hände zu heben.
Im Traum träume ich vom Feld
in dem unser Rennen beginnt:
du rennst zu deiner, ich zu meiner Mitte,
mit Fahnen, die wir anzünden,
rennen wir durch uns hindurch
unendlich…
Marjana Gaponenko (*1981)
Copyright © bei der Autorin
Lyrikmail #1865 Vischer
Eiertanz
Magst du, statt einfach zu geh’n, zu stehn’n,
Einen Eiertanz lieber tanzen,
Mußt in die höchste Gesellschaft geh’n,
Unter Orden und Litzen, Spitzen und Fransen,
Mußt auf glattem Boden dich dreh’n.
Da tanze nach Lust
Mit gehobener Brust!
Nur rutsche nicht aus, zertritt kein Ei,
Sonst ist die Herrlichkeit vorbei. -
Nun ja! Dann werde du eben wieder
Johann, der muntere Seifensieder.
Friedrich Theodor Vischer (1807-1887)
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