Lyrikmail #1910 Gaponenko
Hinrichtung
Man sagt der Mond erschien.
Man soll nicht lügen.
Er schien, er schien, bis die Sonne
ihn verschlang. Aus ihrem Maul lugte
sein Silberschwanz hervor
für einen Augenblick.
Man sagt: die Sonne taumelt
in den Gärten mit ihrem Kopf
unter dem Arm.
Man soll nicht lügen.
Es ging ihr Kopf auf seinen Strahl gestützt,
ein Laib zum Ofen, dann
rollte er hinein.
Die Hinrichtung wurde gefeiert
von Bäumen, die lange noch tanzten,
selbst niederbrennend, Arme und Beine verlierend.
Ein Scheiterhaufen hob leise ab,
ein Aschenplateau,
das von Höhe durchdrungen
purpurn verfloss…
Marjana Gaponenko (*1981)
Copyright © bei der Autorin
aus: Marjana Gaponenko. Nachtflug Gedichte. Polonius Verlag, 80 S.
Lyrikmail #1909 Heym
Alle Landschaften haben
Sich mit Blau erfüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.
Leichte Geschwader, Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels dahinter
Zergehen in Wind und Licht.
Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.
Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche Flüstern und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.
Georg Heym (1887-1912)
Lyrikmail #1908 Büchner
O meine müden Füße ihr müßt tanzen
O meine müden Füße ihr müßt tanzen
In bunten Schuhen,
Und möchtet lieber tief, tief
Im Boden ruhen.
O meine heißen Wangen, ihr müsst glühen
Im wilden Kosen,
Und möchtet lieber blühen
Zwei weiße Rosen.
O meine armen Augen, ihr müsst blitzen
Im Strahl der Kerzen,
Und lieber schlieft ihr aus im Dunkeln
Von euren Schmerzen.
Georg Büchner (1813-1837)
Dieses Tanzlied wird von Rosetta, der Geliebten des Prinzen Leonce in Georg Büchners Lustspiel “Leonce und Lena” von 1836, gesungen
Lyrikmail #1907 Goethe
Zahme Xenien V
Wir.
Du toller Wicht, gesteh nur offen:
Man hat dich auf manchem Fehler betroffen!
Er.
“Ja wohl! doch macht’ ich ihn wieder gut!”
Wir.
Wie denn?
Er.
“Ei, wie’s ein jeder tut!”
Wir.
Wie hast du denn das angefangen?
Er.
“Ich hab’ einen neuen Fehler begangen.
Darauf waren die Leute so versessen,
daß sie des alten gern vergessen.”
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
aus: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827)
Lyrikmail #1906 Lingg
Ja, einmal nimmt der Mensch von seinen Tagen
Im voraus schon des Glückes Zinsen ein,
Und spricht: ich will den Kranz der Freude tragen,
Mag, was darauf folgt, nur noch Asche sein.
Die vollen Becher! Laß uns alles wagen!
Ja einmal will ich auf den Mittagshöh’n
Des Lebens stehn und dann am Ende sagen:
Wie war es doch so schön!
Wie war der Traum so schön! Da wir uns liebten,
Da blühten Rosen um den Trauerzug;
Im Schaum der Tage, die sonst leer zerstiebten,
War eine Perle, reich und stolz genug.
Ich will den Arm um deinen Nacken schlingen,
Und durch die Ferne der Erinnrung tön’:
Kann keine Zeit das Glück uns wiederbringen -
Wie war es doch so schön!
Hermann von Lingg (1820-1905)
aus: Ausgewählte Gedichte (1853)
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