Lyrikmail #1930 Christen

Wiedersehen

Ich hatt’ ihn lang nicht mehr gesehen –
Und mich beinahe todt gesehnt;
Ich kam zurück zu ihm –
Und habe mich glücklich gewähnt.

Drei Stunden stand ich vor dem Thor
Im Regen pudelnaß
Und holte mir einen Schnupfen
Und Husten so zum Spaß.

In später Nacht kam er nach Haus
Und lud’ mich mit Müh’ nur ein;
Erzählte, er habe Kopfweh
Von schlechtem Ofnerwein.

Dann sprach er von seinem Windspiel,
Daß es kein schön’res gibt;
Und dann von einer Todten,
Die er vor Zeiten geliebt. –

Wir gingen plaudernd zu Bette,
Er schlief sehr bald auch ein;
Ich aber mußte noch lange,
Sehr lange wach noch sein.

Der Mond schien still durch’s Fenster,
Goß über den Schläfer sein Licht
Und sah, wie ich weinend küßte
Des blassen Mannes Gesicht.

Ada Christen (1839-1901)

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1929 Grillparzer

Krankenbesuche

Eine Ähnlichkeit, die ich mit Christus habe:
Nur die Weiber kommen zu meinem Grabe.

Franz Grillparzer (1791-1872)

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1928 Wagner

Im Tannwald

Unheimlich an hört sich im Wald das Knarren
Der Tannen, die, von andern überhangen,
Hinauf zum grauen Abendhimmel starren.

So stört in Nächten oft, in kummerbangen,
Der Schlafende den andern durch ein Schnarren
Und seltsam Rufen, wirr im Traum begangen.

Christian Wagner (1835-1918)

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1927 Flaischlen

Ende

Verträumt und müde wie ein Schmetterling im September taumelt der Sommer das Gelände entlang. Altweiberfäden wirren sich um seine zerrissenen Flügel und die Blumen, die noch blühen, haben keinen Honig mehr.

Am Hochwald drüben, hinter dem die Sonne glutet, lauert die Nacht, gleich einer großen Spinne, und wie ein engmaschiges Netz hängt sie die Dämmerung vor das verflackernde Abendrot, nach dem der Schmetterling seinen Flug nimmt.


Cäsar Flaischlen
(1864-1920)

aus: Von Alltag und Sonne. Erstdruck 1897.

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1926 Ringelnatz

Katze vor Anker

Schlafen die Bewohner
Von dem Gaffelschoner
Im Kajüt am Heck? -

Weil das Boot vor Anker liegt,
Hockt die Katze mißvergnügt
Oben auf dem Deck.

Sieht sie Mäuse, Ratten? -
Doch der Wind hat sich gelegt.
Was sich einzig noch bewegt,
ist ihr eigner Schatten.

Vor ihr liegt ein dickes Tau,
Rund geschlängelt wie ein Kranz,
Viel viel länger als ihr Schwanz.
Ach, miau – miau.

Keine Ratte, keine Maus,
Keine Gasse und kein Haus,
Nichts, was mitmiaute.

Und die arme Katerbraut
Äußert ihren Kummer laut
Dort im Strom bei Flaute

Joachim Ringelnatz
(1883-1934)

[del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [StumbleUpon] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Nächste Seite →