Lyrikmail #1950 Morgenstern

Der heroische Pudel

Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des abends noch wie Kohle war,
betrübte sich so höllenheiß,

weil seine Dame Flügel spielte,
trotzdem er heulte: daß (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)

er beim Gekräh der Morgenhähne
aufstand als wie ein hoher Greis
mit einer silberweißen Mähne.

Christian Morgenstern (1871-1914)

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1949 Mereau

Der Beständige

Einmal lieb’ ich, und Einmal leb’ ich, unsterbliche Götter!
Wenn ihr das Eine mir raubt, nehmt auch das Andre dahin!

Sophie Mereau (1770-1806)

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1948 Ball

Mein Dämon hat keine Brüder und Schwestern.
Mein Dämon ist nicht von heute und gestern.
Als Gott, der Herr, die Welten machte,
Saß mein Dämon dabei im Grase und lachte,
Schnitt sich die Zehennägel entzwei
Und sah an der ganzen Welt vorbei.

Hugo Ball (1886-1927)

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1947 Leopardi

A Silvia

Silvia, rimembri ancora
Quel tempo della tua vita mortale,
Quando beltà splendea
Negli occhi tuoi ridenti e fuggitivi,
E tu, lieta e pensosa, il limitare
Di gioventù salivi?

Sonavan le quiete
Stanze, e le vie dintorno,
Al tuo perpetuo canto,
Allor che all’opre femminili intenta
Sedevi, assai contenta
Di quel vago avvenir che in mente avevi.
Era il maggio odoroso: e tu solevi
Così menare il giorno.

Io gli studi leggiadri
Talor lasciando e le sudate carte,
Ove il tempo mio primo
E di me si spendea la miglior parte,
D’in su i veroni del paterno ostello
Porgea gli orecchi al suon della tua voce,
Ed alla man veloce
Che percorrea la faticosa tela.
Mirava il ciel sereno,
Le vie dorate e gli orti,
E quinci il mar da lungi, e quindi il monte.
Lingua mortal non dice
quel ch’io sentiva in seno.

Che pensieri soavi,
Che speranze, che cori, o Silvia mia!
Quale allor ci apparia
La vita umana e il fato!
Quando sovviemmi di cotanta speme,
Un affetto mi preme
Acerbo e sconsolato,
E tornami a doler di mia sventura.
O natura, o natura.
Perché non rendi poi
Quel che prometti allor? perché di tanto
Inganni i figli tuoi?

Tu pria che l’erbe inaridisse il verno,
Da chiuso morbo combattuta e vinta,
Perivi, o tenerella. E non vedevi
Il fior degli anni tuoi;
Non ti molceva il core
La dolce lode or delle negre chiome,
Or degli sguardi innamorati e schivi;
Né teco le compagne ai dì festivi
Ragionavan d’amore.

Anche peria fra poco
La speranza mia dolce: agli anni miei
Anche negaro i fati
La giovinezza. Ahi come,
Come passata sei,
Cara compagna dell’età mia nova,
Mia lacrimata speme!
Questo è il mondo? questi
I diletti, l’amor, l’opre, gli eventi,
Onde cotanto ragionammo insieme?
Questa la sorte dell’ umane genti?
All’apparir del vero
Tu, misera, cadesti: e con la mano
La fredda morte ed una tomba ignuda
Mostravi di lontano.

Giacomo Leopardi (1798-1837)



An Silvia

Silvia,  weißt du  noch
Jene Zeit deines sterblichen Lebens,
Als Schönheit lachend und flüchtig
In deinen  Augen strahlte
Und du, heiter und nachdenklich, an der Schwelle
Der Jugend standest?

Von deinem beständigen Singen
Hallten  die stillen Räume
Und die Wege umher,
Damals als du selbstvergessen
über Handarbeiten saßest,
Wages Werden  spielte in deinen Gedanken.
Duftender Mai war: und so
gingen deine Tage dahin.

Die geliebten Studien ließ ich manches Mal ruhn’,
Die hart erkämpften Schriften,
Denen meine frühen Jahre
Den besten Teil meiner selbst geopfert,
Auf dem Balkon des väterlichen Hauses
Lauschte ich dem Klang deiner Stimme
Und der flinken Hand
Beim mühevollen Weben.
Den wolkenlosen Himmel schaute ich,
Die goldenen Wege und die Gärten,
Das Meer in der Ferne, den Berg.
Sterbliche Sprache kann nicht sagen,
Wie mir zumute war.

Welch milde Gedanken,
Welch Hoffnungen, welch Herzen, o meine Silvia!
Wie großartig erschien uns damals
Das Menschenleben und das Schicksal!
Denk ich an all dies Hoffen,
Zerreißt mich,
Scharf und untröstlich, ein Weh
Und  immer schmerzlicher  wird mir mein Geschick.
O Natur, o Natur.
Warum nur hältst du nicht,
Was du einst versprachst? warum betrügst du
Deine eigenen Kinder so schmählich?

Bevor der Winter das Gras verdorrte,
Raffte ein geheimes Leiden  dich dahin,
O Zärtliche. Du schautest
Die Blüte deiner Jahre nicht;
Noch schmeichelte dir das Herz
Mit dem süßen Lob  deines schwarzen Haares
Und deiner scheuen, liebevollen Blicke;
Niemals sprachen die Freundinnen mit dir an  Festtagen
Von der Liebe.

Auch meine süße Hoffnung
Starb bald darauf :  auch meinen Jahren
Verweigerte das Schicksal
Die Jugend.
Ach  wie vergangen du bist,
Liebe Gefährtin  meiner Frühe,
Meine tränenreiche Hoffnung!
Ist dies die Welt? dies
Die Genüsse, die Liebe, die Werke, die Ereignisse
Über die wir uns erregen?
Dies das Schicksal des Menschengeschlechts?
Als das Wahre aufschien,
Fielst du, Unglückliche:  und mit der Hand
Zeigtest du aus der Ferne
Auf den kalten Tod und ein nacktes Grab.

Giacomo Leopardi (1798-1837)

(aus dem Italienischen von Stefanie Golisch)

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Lyrikmail #1946 Hebbel

Die Freiheit der Sünde

O glaube nicht, daß du durch deine Sünde
Die Welt verwirrst! Wie du auch freveln mögest,
Und ob du Gott dein Ich auch ganz entzögest,
Du hinderst nicht, daß sie zum Kreis sich ründe!

Ja, ob du, in des innern Abgrunds Schlünde
Hinunter taumelnd, völlig dich betrögest
Und dich hinauf zur Götter-Freiheit lögest,
Doch trifft dich das Gericht, das ich verkünde!

Wir leben nur im Ewigen und Wahren,
Und ihm entfliehen wollen, würde heißen,
In uns’rer Brust den Odem anzuhalten;

Wir können’s, doch es wird sich offenbaren,
Daß wir das eig’ne Lebensband zerreißen
Und Nichts dadurch im Aether umgestalten.

Friedrich Hebbel (1813-1863)

[Ask] [del.icio.us] [Digg] [Facebook] [Google] [LinkedIn] [Mister Wong] [MySpace] [Technorati] [Windows Live] [Yahoo!] [Email]

Nächste Seite →