Lyrikmail #1970
Abschied
Ich habe Alles euch gegeben,
nun wollt ihr auch das Letzte noch:
nun soll ich knechten auch mein Streben,
zertreten mich für euer Joch?
Ich hab’ in mir um euch gerungen,
für mein Herz wollt’ ich eures auch,
Stolz, Liebe, Haß um euch bezwungen:
nun danket ihr nach altem Brauch!
Nun soll ich feige das Gefüge,
dran mitzurüsten ich geweiht,
verleugnen für die große Lüge,
an der sich jetzt berauscht die Zeit?!
Ja, eine Zeit gemacht zum Beten!
für jeden engsten Kreis ist heut
ein neuer Heiland uns von Nöten:
der alte starb, zu dem ihr schreit!
Doch nicht, daß man aus Luggeweben
die Dornenkrone selbst sich flicht:
ich habe Alles euch gegeben,
doch mein Gewissen geb’ ich nicht!
Richard Dehmel (1863-1920)
Lyrikmail #1969 Morgenstern
Lärmschutz
Palmström liebt sich in Geräusch zu wickeln,
teils zur Abwehr wider fremde Lärme,
teils um sich vor drittem Ohr zu schirmen.
Und so läßt er sich um seine Zimmer
Wasserröhren legen, welche brausen.
Und ergeht sich, so behütet, oft in
stundenlangen Monologen, stunden-
langen Monologen, gleich dem Redner
von Athen, der in die Brandung brüllte,
gleich Demosthenes am Strand des Meeres.
Christian Morgenstern (1871-1914)
Lyrikmail #1968 Dauthendey
Der Regen schlägt das Haus mit Ruten
Draußen die Regenwolken, die schwimmend großen,
Sind wie die Fische mit grauen Flossen,
Die Wasser aus den Kiemen stoßen.
Der Regen schlägt das Haus mit Ruten,
Laute Wasserfluten schwemmen vom Dach;
Ein früher Abend kommt zu uns ins Gemach.
Wir hören die langen Finger vom Regen,
Die fahrig sich am Fenster bewegen,
Als will der Regen sich zu uns auf die Kissen legen.
Max Dauthendey (1867-1918)
Lyrikmail #1967 Wernicke – Sicherheit im Glück
Sicherheit im Glück
Sag’ einem, der erfreut dem Glück im Schooße lieget,
Daß dessen Stille stets die Sicherheit betrüget,
Daß es uns, ehe wir es recht erkannt, verläßt;
Er höret dich nicht mehr, denn junge Hochzeitgäst’
Den Wächter, der des Nachts die Stunden rufet, hören;
Er spottet deiner Gunst und lachet deiner Lehren,
Und alle deine Wort’ entführt der schnelle Wind.
Ein Glücklicher ist taub, sowie das Glück ist blind.
Christian Wernicke (1661-1725)
Lyrikmail #1966 Tucholsky – Zensurdebatte
Zensurdebatte
Im Reichstag haben sie über Zensur gesprochen
und alle Mißgriffe derselben fürchterlich gerochen.
Herr Gothein hat es ausführlich in den Saal hineingeredet,
groß sei das Debet derselben, aber klein ihr Kredit.
Und auch Herr Müller-Meiningen hat sich dahin ausgelassen:
neben England müsse man dieselbe am meisten hassen.
Dann haben sich aber die Vertreter der Regierung erhoben
und sagten: man müsse dieselbe ertragen, aber nicht loben.
Und wenn die Offiziersburschen mit den Dienstmädchen gingen,
so sei das geheim; über Truppenbewegungen dürfe man nichts bringen.
Und auch Herr von Tirpitz gehöre wie die Papierverteilung zu denjenigen
Sachen,
deren diskrete Geheimhaltung vor den Feinden uns viele Sorgen machen.
Und so wurde noch allerhand hin-, beziehungsweise herverhandelt.
Es steht aber nicht zu befürchten, dass sich in nächster Zeit etwas
wandelt.
Und wie in alten Schultagen fühl ich beklommen:
Wir haben eine miserable Zensur bekommen!
Kurt Tucholsky (1890-1935)
Veröffentlicht unter dem Pseudonym Theobald Tiger in Die Weltbühne, 20.06.1918
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