Lyrikmail #1989 Wernicke
Schuldner oder Gläubiger?
Manch ungehobelt Holz wird zum Merkur gemacht,
Weil mancher theure Mann, aus aller Höfling’ Acht,
Sich sonst bei keinem Maaß, als seinem Schatten mißt.
Viel hebt das Glück empor, Viel’ hält es auch zurück;
Doch wer die Welt recht kennt, der findet, daß das Glück
Mehr Schulden ausstehn hat, als es selbst schuldig ist.
Christian Wernicke (1661-1725)
Lyrikmail #1988 Morgenstern
Berlin
Ich liebe dich bei Nebel und bei Nacht,
wenn deine Linien ineinander schwimmen, -
zumal bei Nacht, wenn deine Fenster glimmen
und Menschheit dein Gestein lebendig macht.
Was wüst am Tag, wird rätselvoll im Dunkel;
wie Seelenburgen stehn sie mystisch da,
die Häuserreihn, mit ihrem Lichtgefunkel;
und Einheit ahnt, wer sonst nur Vielheit sah.
Der letzte Glanz erlischt in blinden Scheiben;
in seine Schachteln liegt ein Spiel geräumt;
gebändigt ruht ein ungestümes Treiben,
und heilig wird, was so voll Schicksal träumt.
Christian Morgenstern (1871-1914)
Lyrikmail #1987 Günderode
Liebst du das Dunkel
Tauigter Nächte?
Graut dir der Morgen,
Starrst du ins Spätrot,
Seufzest beim Mahle
Stößest den Becher
Weg von den Lippen?
Liebst du nicht Jagdlust
Reizet dich Ruhm nicht
Schlachtgetümmel?
Welken dir Blumen
Schneller am Busen
Als sie sonst welkten
Drängt sich das Blut dir
Pochend zum Herzen?
Karoline von Günderode (1780-1806)
Lyrikmail #1986 Weissmann
Kindheit
Ein glasgeschnittner Würfel füllte das Zimmer
Sobald es wieder Abend war, den trug
Er oft und stand umtaut von Schimmer.
Draußen ging dunkler Vögel schwerer Flug
Flatternd vorbei und war wie kühles Wehn
Um seine Stirne. Manchmal, wunderbar,
Blieben die fremden Lieder um ihn stehn
Und eine Blume sang in seinem Haar.
Oft schlich er scheu, gebückt in dumpfer Last,
Und sah sich wie ein Feuer, das entlohte.
Augen waren ihm Qual und tief verhaßt,
Der Wald rief ihn, und war doch fremd, und drohte:
Geweih des Hirsches, der weiß im Dunkel stand,
Wollte ihn tragen. Doch der Ast erhob
In bösem Schlage die verkrümmte Hand.
aus: Weissmann. Das frühe Fest.
Maria Luise Weissmann (1899-1929)
Lyrikmail #1985 Hofmannswaldau
Die Welt
Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen?
Was ist die Welt und ihre gantze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurtz-gewölckter Nacht;
Ein bundes Feld, da Kummer-Disteln grünen;
Ein schön Spital, so voller Kranckheit steckt;
Ein Sclavenhaus, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.
Das ist der Grund, darauff wir Menschen bauen,
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm, Seele, komm, und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Circkel dieser Welt.
Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen,
Halt ihre Lust für eine schwere Last;
So wirst du leicht in diesen Port gelangen,
Da Ewigkeit und Schönheit sich umfaßt.
Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1616-1679)
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