Lyrikmail #2009 Vogt
UTOPIE
Ich stelle unser Bett
In den Mondschein
Auf eine Brücke aus Licht
Die über den Strom führt
Der keinen Ursprung hat und kein Ziel
Auf eine Brücke
Aus Licht
Ohne Hin- und Herweg
Karl-Johannes Vogt (*1919)
aus: “DAS FLUGZEUG ÜBER MIR WECKT KEINE SEHNSUCHT”
(Edition naHbell, G&GN-Verlag 2009)
Mehr Infos: www.naHbellPREIS.de
Lyrikmail #2008 Dauthendey
Mein Stuhl steht im Himmel
Mein Stuhl steht im Himmel, wenn ich an dich denke.
Sitze bei mir und lege deinen Schmuck in mein Herz,
Du sollst in meinen Augen dich beschauen, wie schön du bist.
Dein Lächeln hat Hände und beschenkt mich reich.
Ich gehe vor dir wie ein selig Gestorbener,
Mein Herz steht still und feiert.
Ein Feuer, das auf den Scheitern sich wiegt,
Liegt dein Auge auf mir, meine Füße sind Stahl, ich bin dein Schatten,
Ich folge dir ohne Ermatten und ohne Wahl.
Max Dauthendey (1867-1918)
aus: Die ewige Hochzeit. Liebeslieder.
Lyrikmail #2007 Lanfranconi
seltsam
dass dein leben
jetzt geschieht
weißt du ganz
zuinnerst
und doch
erscheints
dir wirklicher
indem du es
erinnerst
Katharina Lanfranconi (*1948)
Lyrikmail #2006 Rückert
Glückliche Rettung
Die Liebe fiel ins Grübchen am Kinn
Und war unendlich erschrocken.
Sie langte mit entschlossenem Sinn
Nach einer der flatternden Locken
Und zog sich mit Geschicke
Heraus am artigen Stricke,
Sonst läge sie, glaub’ ich, noch darin.
Friedrich Rückert (1788-1866)
Lyrikmail #2005 Tieck
Vergleich ich Dich dem Tag im holden Lenze?
Vergleich ich Dich dem Tag im holden Lenze?
Du bist weit süßer, bist Dir immer gleich:
Der Sturm zerreißt des Maien Blüten-Kränze,
Und kurze Zeit nur steht des Frühlings Reich.
Bald scheint zu heiß herab des Himmels Licht,
Bald hüllt in Wolken sich die goldne Spur.
Kein Schönes, dem nicht Schönheit oft gebricht,
Des Schmucks beraubt durch Zufall und Natur.
Jedoch Dein ew’ger Lenz soll nie verblühn;
Nichts diese Zierde, die Dir eigen, kränken;
Der Tod nie prahlend in sein Reich dich ziehn,
Da ew’ge Zeilen ew’ge Dauer schenken.
So lang, als Augen sehn und Menschen leben,
Lebt dies, um ew’ge Jugend Dir zu geben.
Dorothea Tieck (1799-1841)
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