Strafanzeige wegen Rezitation eines Gedichtes

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Strafanzeige und Vorladung wegen Rezitieren eines Gedichtes
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Berlin, 31.07.09
Die vor dem Reichstag wegen Rezitieren eines Gedichtes festgenommene Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit hat inzwischen Strafanzeige erhalten wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz. Inwiefern die als Kunst deutlich erkennbare Aktion (Fotos) eine Versammlung/Demonstration gewesen sein soll, war Gegenstand einer Vorladung, die am 28. Juli 2009 im LKA 535 stattfand.
Der Chefunterhändler des ZPS, Philipp Ruch, hat sich mit einem neuen Stadler-Gedicht  verteidigt, das er den Beamten zu Protokoll gab. Das Gedicht stammt aus unserem neuen Bundestags-Wahlkampfspot, den Sie unten abrufen können.
Dort finden Sie auch eine ausführliche Reportage des WDR 3, der die Vernehmung begleitete, sowie die Strafanzeige und ein Video von der Verhaftung:

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Lyrikmail #2032 Halter

DER PLAN VOM LEBEN

Er steht am Fenster,
schaut über die Lichter der Stadt.

Haucht unterkühlt ans Glas und
faßt sich in den Nacken.

Endlos perlt der Champagner.

Was er nicht ausspricht:
wenn er es doch
nur anders sagen könnte.

Das Telefon klingelt.

Er antwortet und fährt mit dem Finger
die Naht seines Hemdkragens entlang.

Die Welt ist so ursprünglich!

Was er besitzt, ist
ein großer Plan,
mehr nicht.

Jürg Halter (*1980)

aus: Jürg Halter. Nichts, das mich hält. Gedichte. Ammann Verlag, 2008
© 2008 Ammann Verlag & Co., Zürich. www.ammann.ch

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Lyrikmail #2031 Fallersleben

Salziges

Wäre des Salz durchaus eine Waare des freien Handels, so würde die Tonne
gewiß nicht mehr als 4 – 5 – 6 Thlr. kosten; was nun jetzt an den Staat
mehr dafür bezahlt werden muß, ist demnach als Steuer anzusehen, der sich
unentbehrlich ist.

Friedr. Bened. Weber, Handb. der staatswirthsch.Statistik der pr. Mon. S. 670.

Das Salz ist theuer, billig sind die Zähren!
O wenn doch unsre Zähren Salz nur wären!
Dann hätten wir in unsrer Noth
Auch Salz auf unser bischen Brot.

Warum doch machen sie das Salz so theuer?
O ging’ es ihnen allen doch noch heuer,
Wie Loth’s Gemahlin dazumal!
Dann brauchten wir kein Salzregal.

Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

aus:  Unpolitische Lieder. (1840)

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Lyrikmail #2030 Chiasson

Meine Schlucht

Wie kannst du wissen wie mein Gedicht ist,
bevor du nicht in meine Schlucht hinabgestiegen bist,

um die Lattenroste zu sehen, die Matratzen, Bücherregale, Schreibtische,
die das Frauencollege nebenan Jahr für Jahr wegwirft,

den Fön, den Herodot von irgendjemandem,
die Traumlandschaft eines Gedichts, halb latinisiert,

halb Scheiße, der Scheiß des Frauencolleges nebenan?
Schubkarre um Schubkarre schafft ein buckliger

Betreuer altes Wohnheimsmobiliar herbei, kippt es
herunter und sieht zu, wie es in den Haufen rollt.

Du wirst nicht wissen, wie mein Gedicht entscheidet, was hineinkommt,
was draußen bleibt, was angemessen ist und was nicht,

bevor du ihm nicht nach der Arbeit nach Hause gefolgt bist, um zu sehen,
wie es nachts wild von den alten Betten der Mädchen phantasiert.

Du wirst nicht wissen, auf was ich aus bin, bevor du nicht gehört hast,
wie jeden Herbst in meinem Hinterhof ein Sprung von Rehen

auftaucht, die nach Nahrung suchen, wo die Himbeeren die Radieschen
berührten und jetzt untergepflügt sind, die Wiese nach Löwenzahn

durchforsten, einander anstarren, dann verwirrt in meine
Schlucht hinabtraben, zu Gerippen werden.

Dan Chiasson

Aus dem Amerikanischen von Jan Wagner.

My Ravine

How will you know what my poem is like
until you’ve gone down my ravine and seen

the box springs, mattresses, bookcases, and desks
the neighboring women’s college dumps each year,

somebody’s hairdryer, someone’s Herodotus
a poem’s dream landscape, one-half Latinate and

one-half shit, the neigboring women’s college’s shit?
Wheelbarrow upon wheelbarrow a humpbacked

custodian hauls old dormitory furniture down
and launches it watching it roll into the pile.

You won’t know how my poem decides what’s in,
what’s out, what decorum means and doesn’t mean,

until you follow him home after work and see him
going wild all night imagining those girls’ old beds.

You won’t know what I’m trying for until you hear
how every fall in my backyard a swarm of deer

materializes, scavenging where the raspberries touched
the radishes, now ploughed under, itching the lawn

for dandelions, stare at each other and wander
bewildered down my ravine and turn into skeltons.

Dan Chiasson

Das Gedicht entstammt dem Band:
Dan Chiasson: Naturgeschichte. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig.
Aus dem Amerikanischen von Jan Wagner. Mit Illustrationen von Jeremy Traum.
120 S. luxbooks, Wiesbaden 2009. ISBN 978-3-939557-38-8. 18,50 EUR
www.luxbooks.de

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Lyrikmail #2029 Goethe

Alles Vergängliche

Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis;
das Unzulängliche,
hier wird’s Ereignis;
das Unbeschreibliche,
hier ist’s getan;
das Ewig-Weibliche
zieht uns hinan.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

aus dem Schlusschor von Goethes “Faust II
Faust II, Vers 12104 ff. / Chorus mysticus

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