Lyrikmail #2037 Rückert
Du bist mein Mond
Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde;
Du sagst, du drehest dich um mich.
Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich werde
In meinen Nächten hell durch dich.
Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde;
Sie sagen, du veränderst dich.
Allein, du änderst nur die Lichtgeberde,
Und liebst mich unveränderlich.
Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde;
Nur mein Erdschatten hindert dich,
die Liebesfackel stets am Sonnenherde
Zu zünden in der Nacht für mich.
Friedrich Rückert (1788-1866)
Der Text folgt der Ausgabe: Gesammelte Gedichte von Friedrich Rückert.
Verlag von Carl Hender, Erlangen 1837
Lyrikmail #2036 Boldt
Auf der Terrasse des Café Josty
Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentakte: Trams auf Eisenschienen
Automobile und den Menschenmüll.
Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.
Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen – bunte Öle;
Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen.-
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.
Paul Boldt (1885-1921)
Lyrikmail #2035 Manguso
Universum
Der Mond verhält sich wie ein Fächer, gleitet zusammen, rauscht auf.
Du sagst, du hättest dich nicht bewegt,
aber ein gewisser nasser Planet hat sich gedreht und gedreht.
Wenn der Flieger absackt, hältst du dich an der Armlehne fest.
Du meinst, es wäre sinnvoll, sich an etwas zu klammern,
etwas Äußeres, mindestens Arme,
ein Paar Kumuluswolken
oder etwas noch Höheres,
und du bist verwirrt wegen der höheren Dinge.
Wegen der zahllosen Bezeichnungen,
Bezeichnungen, für die du keine Dinge weißt.
Mach dir klar, dass der Weltraum
täglich ein wenig mehr expandiert,
und dass bei jedem Regen die Tropfen
immer größere Strecken zurücklegen müssen.
Wir leben in einem Universum,
in dem Teleskope bewegte Körper
erlegen, die irgendwie auch statisch sind,
wie beispielsweise Neptun,
der kälteste aller Planeten (außer Pluto),
dessen Ringe theoretisch sind
und daher imaginär,
sich aber trotzdem schneller drehen können
als der Körper, der sie umkreisen, in Winde gehüllt
und von ihnen in Stille versetzt
und vorbereitet darauf,
dass man seinen Meeren in der Ferne Namen gibt.
Sarah Manguso (*1974)
übersetzt von Ron Winkler
…
Space
Moon unfolds like a fan, snaps in, winks out.
In this time you say you haven’t moved,
but a certain wet little planet has spun and spun.
When the plane dips, you hold the arms of the seat.
You say it would make sense to hold
something outside, arms at least,
or a double cumulus handful,
or something higher,
and you wonder about the higher things.
For names abound,
names you don’t have things for.
Recall that the universe
expands slightly more each day,
how each time it rains
the drops are traveling further.
We live in a space
where telescopes impale a moving body
that is stationary in its own way,
as is, for instance, Neptune,
coldest of any planet save Pluto,
whose rings are theoretical
and therefore imaginary,
but nevertheless may spin more quickly
than the body they surround, dressed in winds
Sarah Manguso (*1974)
Das Gedicht entstammt dem Band:
Sarah Manguso: Komm her o Klarheit! Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig.
Aus dem Amerikanischen von Ron Winkler. Mit Illustrationen von Jessica Findley.
Mit einem Geleitwort von Erwin Einziger. 136 S. luxbooks, Wiesbaden 2009.
ISBN 978-3-939557-39-5. 18,50€ . www.luxbooks.de
Lyrikmail #2034 Hausen
In mînem troume ich sach
In mînem troume ich sach
ein harte schoene wîp
Die naht unz an den tach:
dô erwachete mîn lîp.
Dô wart sie leider mir benomen,
daz ich enweiz, wâ si sî,
von der mir fröide solte komen.
daz tâten mir diu ougen min,
der wollte ich âne sin.
Friedrich von Hausen (zwischen 1150 und 1160-1190)
—–
In meinem Traum sah ich
In meinem Traum sah ich
eine sehr schöne Frau
die Nacht [hindurch] bis zum Tag.
Da erwachte mein Leib.
Da wurde sie mir schmerzvoll weggenommen,
so dass ich nicht weiß, wo sie ist,
von der mir das höchste Glück kommen sollte.
Das haben mir meine Augen zugefügt,
von denen wollte ich frei sein.
Friedrich von Hausen (zwischen 1150 und 1160-1190)
Der Text ist u.a. in der Minnesanganthologie (mit Übersetzungen und sehr guten Kommentaren) von
Ingrid Kasten abgedruckt: “Deutsche Lyrik des frühen hohen Mittelalters“, Frankfurt 2007.
Übersetzung: Martin Schuhmann.
Friedrich von Hausen war ein bedeutender Diplomat unter den ersten Staufer-Kaisern, und so sind
die Umstände seines Todes bekannt: Er stürzte beim 3. Kreuzzug am 6. Mai 1190 in Anatolien vom Pferd.
Der Tod in der Ferne passt zu Friedrichs Lyrik, die immer um Ferne, Entfernung und Räume kreist
(vgl. oben Vers 5). Im “hohen” Minnesang romanischer Prägung, zu dessen frühesten Vertretern Friedrich
gehört, ist Liebes-Glück weit weg oder nur im Traum möglich. Auch dann ist das Glück nie dauerhaft
(Vers 4); und der Sänger kann eigentlich nichts dafür tun und bleibt ganz passiv (Vers 6). Liebe zerreißt
den Sänger buchstäblich: Nur sein Leib erwacht (Vers 4), und die Augen haben ihm eigenständig die Frau
gezeigt (Vers 8). Solche Formen des “pars pro toto” (also dass ein “Teil für das Ganze” einsteht, der
Körperteil für die Person), stehen mittelhochdeutsch sehr oft und können meist einfach mit “ich”
übersetzt werden. Friedrich nutzt die rhetorische Formel jedoch radikal: Seine Augen müssen weg,
weil sie ihm das schöne Bild gezeigt und so nach mittelalterlicher Vorstellung die Liebe in sein Herz
gebracht haben: Ohne Augen könnte er ganz frei von Liebe und Sehnsucht sein. Wir hoffen, dass Sie sich
im August nicht mit solchen Unmöglichkeiten herumschlagen müssen und wünschen Ihnen schöne Tage.
Entzugserscheinungen?
Betr.: Tägliche Dosis Poesie. Wichtiger Hinweis bei Entzugserscheinungen
Da viele Leserinnen und Leser im wohlverdienten Urlaub sind und Lyrikmail nicht
die Mailbox verstopfen möchte, erscheint die Lyrikmail im August nur einmal pro Woche
(immer Mittwochs).
Die tägliche Dosis gibt es aber auch auf twitter. Dort veröffentliche
ich jeden Tag ein Gedicht aus dem Lyrikmail-Archiv: twitter.com/lyrikmail.
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