Lyrikmail #2080 Dehmel
Novemberfahrt
Ja, lacht nur, lacht! am Wege da
ihr pelzvermummten Gaffer!
Uns gab ein heißres Blut, hahah,
der Wein- und Weiberschaffer!
|Und wenn wir etwas zittrig sind
und etwas rot die Nase,
so meint nur nicht, das sei vom Wind:
das Wetter liegt im Glase!
Wir fahren in die Welt hinein,
wenn Uns es will behagen;
wir fahren in dem Sonnenschein,
den wir im Herzen tragen!
Und wenn die olle Sonne sieht
so junge Dreistewichte,
dann wird sie gleich vor Angst verliebt
und macht ihr schönst Gesichte.
Hurrah, Novembersonnentag,
du Wunderwanderwetter:
derweil am Herd das Zimperpack
sich wärmt den Katterletter!
Hurrah, so stark dein herber Duft,
so würzig seine Schwere!
Hurrrah – ich schlürfe deine Luft,
als ob es Rheinwein wäre!
Richard Dehmel (1863-1920)
Lyrikmail #2079 Liebert
wildwechsel
[für liesas kind, von einem mehlwurm empfangen
untergegangen in der spree am 01.06.09]
ich glaub wir glaubten eh nicht mehr an die liebe mein liebes
wir glaubten an ecstasy die schwerelosen drehungen
unserer augbälle unter den lidern der anderen / weiße löcher
die sonne die sterne die seen die dir entgingen 15 mg ranticin, drei schübe
fenoterol 150 gramm
metadon, nichts weiter
ist glück / einer
der bei uns war wollte
an einem ballon erhängt werden
scheißend sterben winkend / über den felsen
der loreley entrissen / kraken
haben drei herzen
neun hirne wir / leichtere vergnügen
Juliane Liebert (*1987)
Die Reihe clicktriebe wird von Tom Bresemann für die lyrikmail herausgegeben, erscheint einmal wöchentlich und präsentiert junge, deutschsprachige und internationale Autor_innen. Tom Bresemann ist Schriftsteller (Gedichtband: Makellos, Berlin 2007, zuletzt Jahrbuch der Lyrik 2009, Lyrik von Jetzt zwei, NEUBUCH, Covering Onetti) und Veranstalter (für die S³ LiteraturWerke, die Lettrétage, die schaubühne am Lehniner PLatz u.a.).
Lyrikmail #2078 Trakl
In ein altes Stammbuch
Immer wiederkehrst du, Melancholie,
O Sanftmut der einsamen Seele.
Zu Ende glüht ein goldener Tag.
Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige
Tönend von Wohllaut und weichem Wahnsinn.
Siehe! es dämmert schon.
Wiederkehrt die Nacht und klagt ein Sterbliches,
Und es leidet ein anderes mit.
Schauernd unter herbstlichen Sternen
Neigt sich jährlich tiefer das Haupt.
Georg Trakl (1887-1915)
Gedichte von Georg Trakl. Bibliothek Suhrkamp, 159 S., gebunden, 12,90 €
Lyrikmail #2077 Wernicke
Klugheit der Welt
Du hast den Seneca und Plato wohl gelesen;
Allein du kennest nicht der Welt verkehrtes Wesen.
Menalcas, glaub’, es steckt viel Weisheit im Betrug,
Viel Wissenschaft in den Gebehrden.
Du hast Verstand, doch nicht Geschicklichkeit genug,
Auch von den Narren selbst für klug geschätzt zu
werden.
Christian Wernicke (1661-1725)
Lyrikmail #2076 Lanfranconi
mare mosso
rauschend
bauscht sich
das meer
rollt sich
am strand
rauscht
bauscht sich
beleckt sand
bleckt
schaum
lefzen
wirft sich
donnernd
gegen fels
rauscht
bauscht sich
ich lausche
lausche
dem meer
Katharina Lanfranconi (*1948)
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